25.01.2011 08:45 Mittwoch, den 26.01.2011, 19.30 Uhr

Ballettabend - ‚Image‘, ‚Imagination‘ … Imago: Bilder, ihre Entstehung in unserer Fantasie und ihre Wirkung auf unsere Wahrnehmung - Am Staatstheater Wiesbaden

Von: Andrea Bartsch

‚Image‘, ‚Imagination‘ … Imago: Bilder, ihre Entstehung in unserer Fantasie und ihre Wirkung auf unsere Wahrnehmung sind das übergreifende Thema, das die drei Choreografien miteinander verbindet.

Der Abend befasst sich einerseits mit dem kreativen Schaffensprozess, aus dem Bilder hervorgehen und hinter dem die Persönlichkeit einer Künstlerfigur steht. Ebenso sind die Flüchtigkeit des Bildhaften und dessen veränderliche Formen Teil der choreografischen Auseinandersetzung mit der Thematik:

Gemälde und Fotos prägen sich im Gedächtnis ein und lassen sich im Nachhinein meist recht eindeutig beschreiben. Dagegen sind Tanz und Bewegung viel vergänglicher und keineswegs leicht zu fixieren.

Pressestimmen

‚Mammatus‘ heißt diejenige Sorte Wolken, die sich in runden Blubbern nach unten wölben. Der Franzose Medhi Walerski choreografierte das so benannte Stück 2008 für das Nederlands Dans Theater (NDT). Die Aufnahme ins Repertoire des Wiesbadener Balletts lohnt sich. 

‚Poem an Minotaurus‘, das Stephan Thoss 2008 in Saarbrücken herausbrachte, ist fast ähnlich leichtfüßig. Eine Skizze für vier Männer, die auf ihren vier Parkbänken nie zur Ruhe kommen vor lauter Lebensenergie, ständig aufspringen, sich querlegen, balancieren, in den Raum greifen.

Im Hintergrund treiben weibliche Fantasiefiguren vorbei, die ihre Körperlinien knicken, knautschen, kreuzen. Denn das zackige ‚Poem‘ bezieht sich auf Picasso. Bei aller Bilderbeschwörung die ‚Imago‘ schon im Titel trägt und bis zur Überladenheit ausmalt, glänzt der Abend am meisten durch seine Tänzer: ein brillantes Ensemble mit etlichen neuen, jungen Gesichtern.

Wiesbadener Kurier/Tagblatt, 01.11.2010

Mit der Uraufführung am Ende des dreiteiligen Tanzabends ‚Imago‘ knüpft der Ballettdirektor des Wiesbadener Staatstheaters an Bilder und Techniken an, die seine Zuschauer von ihm kennen: Wieder inszeniert Thoss das Surreale in kurzen Szenenfolgen, was zu seinem ureigenen zeitgenössischen Ausdrucks-Tanzstil bestens passt. 

Dass Thoss diesmal die Tempi etwas weniger überdreht und mit drei Ebenen arbeitet, steht ‚Nightbook‘ sehr gut. Sein ‚Poem an Minotaurus‘ erweckt mit der treibenden Musik von John Adams einige der bekannten Bildmotive Picassos zu Tanz.

Weil Thoss, der wiederum Bühne, Kostüme und Choreografie verantwortet, die bunten Figuren von Stier bis Sternenfrauen mit ganz klarer Linienführung im Tanz kombiniert, kommt er dem Spielerisch-Entdeckerfreudigen Picassos nah, ohne platt biographisch zu sein.

Das ist, samt dem Künstler-Motiv, unter dem Obertitel des Abends ‚Imago‘ ebenso gut aufgehoben wie Medhi Walerskis Stück ‚Mammatus‘, mit dem Thoss‘ Companie erstmals eine Arbeit des Nederland Dans Theater übernommen hat. Walerskis Stil passt auch den großartigen Wiesbadener Tänzern.

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.11.2010

Im Gegensatz zu seinem Mainzer Kollegen hat Wiesbadens Ballettchef Stephan Thoss einen entschiedenen, einen fast unverwechselbaren Stil. Die Ecken und Kanten seiner Bewegungssprache, die Annäherung an die Groteske, das wiederum passt zum Interesse Thoss‘ an den Jahren des Expressionismus und des Ausdruckstanzes. 

An expressionistische Filme jedenfalls lassen die Schwarz weiß-Schemen und Überblendungen denken, die Alpträumchen, die Thoss‘ ‚Nightbook‘ begleiten, die Uraufführungschoreografie des jüngsten dreiteiligen Ballettabends mit dem Übertitel ‚Imago‘. 

Die Bildfantasie des Wiesbadener Ballettchefs ist grenzenlos – manchmal so grenzenlos, dass die unterschiedlichen Einfälle sich ein wenig gegenseitig in den Schatten stellen. Dazu kommen verrückt-verspielte Kostüme (Thoss) und ein zügig wandelbares Bühnenbild (Thoss).

Nicht zu vergessen die Musik, die der Choreograf zwar dann doch nicht selbst komponiert hat, mit deren Auswahl er aber nicht zum ersten Mal Originalität beweist: Ludovico Einaudi, Wojciech Kilar, Steve Jablonsky, Clinton Shorter, dazu Schostakowitsch und James Browns ‚It’s a man’s world‘. Dieses ‚Buch der Nacht‘ ist voll rätselhafter, wilder Träume. Das Ensemble tanzt sie gewohnt furios.

Frankfurter Rundschau, 01.11.2010

Der Idee der durch Sprache kaum fassbaren Traumhaftigkeit von Tanz, Musik und Malerei und den Motiven rund um Bild und Kunstproduktion kommt in Thoss‘ Stücken die zentrale Rolle zu. Wie zitiert das Programmheft so schön Picasso: ein Bild partout ‚verstehen‘ zu wollen, könne so unsinnig sein wie im Fall von Blumen, der Nacht oder Vogelgesang. 

Im Grund misst Thoss im Ariadnefaden des Tanzes den labyrinthischen Weg zur Kunst ab. Ein bildhaft-praller Tanzabend voller Vergnügen am Sehen, Fühlen und Denken.

Frankfurter Neue Presse, 02.11.2010

Anfang: Vier Männer sind Pablo Picasso, sie ringen wie jener darum, Lebensenergie in Kunst zu verwandeln. Mitte: Junge dreht am Windrädchen und setzt fantastisches Treiben in Gang.

Schluss: Schriftstellerin sitzt nachts am Schreibtisch, ihr müder Geist sieht Romanfiguren ein Eigenleben entwickeln. Diese drei unabhängigen Teile des neuen Ballettabends am Staatstheater Wiesbaden hat Companiechef Stephan Thoss unter den treffenden Gesamttitel ‚Imago‘ gestellt.

Rhein Zeitung Koblenz, 02.11.2010

Ballettdirektor Stephan Thoss hat seinen neuen dreiteiligen Abend ‚Imago‘ am Staatstheater Wiesbaden den surrealen Bilderwelten gewidmet, die keinen Moment der Langeweile aufkommen lassen. Thoss nähert sich alten wie neuen Stoffen bewusst ausschließlich mit den Mitteln des modernen Tanzes und hat inzwischen sein festes Publikum. 

‚Nightbook‘, seine von Schostakowitschs Musik gerahmte und im Staatstheater Wiesbaden erfolgreich uraufgeführte jüngste Schöpfung, bildet den dritten Teil des neuen Ballettabends ‚Imago‘.

Ina Brütting, die mit vollendeter Körperbeherrschung und überzeugender Gestaltung zu Beginn des Stücks wie zum Schluss mit einem großen Solo brilliert, wurde vom Premierenpublikum ebenso stark gefeiert wie Yuki Mori als personifizierter Schlaf und das mit atemberaubend exakten Dreh-, Sprung- und artistischen Bodenfiguren bestechende Corps de Ballet.

Großer Beifall für eine reizvolle Tanzschöpfung, die die Alltagswelt vergessen macht und für ein paar Stunden ins grenzenlose Reich der Fantasie, der Träume, Wünsche und Hoffnungen eintauchen lässt.

Den mittleren Teil des Abends füllt die Arbeit des französischen Choreografen Medhi Walerski aus, der ‚Mammatus‘ im Februar 2008 in Den Haag uraufführte. Mit Musik von Dirk Haubrich wirkt es in der faszinierenden Lichtregie Tom Vissers wie ein abstraktes Gemälde.

Walerski, einer der führenden Tänzer des berühmten Nederlands Dans Theaters, schuf fantasievolle, fesselnde Bilder, die vom Staatstheater-Ballett mit gewohnter Präzision perfekt getanzt werden. Viel Beifall für die Compagnie wie den begabten jungen Choreografen.

Gießener Allgemeine Zeitung, 02.11.2010