08.09.2012 07:17 MUSIK GEGEN DIE EINSAMKEIT

Musik Rock/Pop: Debutalbum von DIE LIGA DER GEWÖHNLICHEN GENTLEMEN erscheint am 5. Oktober

Foto (c) Markus Wustmann

Von: Matthias Kümpflein

Bevor man sich vom Schock, der einen mit der Nachricht von der Superpunk-Auflösung ereilte, erholt hat, veröffentlichen Superpunk-Sänger und -Gitarrist Carsten Friedrichs und -Bassist Tim Jürgens mit drei neuen Mitstreitern ein neues Album mit neuer Band: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen nennen sie sich und ihr erstes Album heißt Jeder auf Erden ist wunderschön. Das Album erscheint am 5. Oktober.

Jan Müller (Tocotronic) zum Debut-Album "Jeder auf Erden ist wunderschön" VÖ 5.10.

GANZ PLÖTZLICH, UNGELOGEN DES NACHTS EIN REGENBOGEN!

Bevor man sich vom Schock, der einen mit der Nachricht von der Superpunk-Auflösung ereilte, erholt hat, veröffentlichen Superpunk-Sänger und -Gitarrist Carsten Friedrichs und -Bassist Tim Jürgens mit drei neuen Mitstreitern ein neues Album mit neuer Band: Die Liga der gewöhnlichen Gentlemen nennen sie sich und ihr erstes Album heißt Jeder auf Erden ist wunderschön.

MEINE TAGE WAREN DUNKEL UND GRAU

Vermutlich erwartet nun glücklicherweise niemand von Carsten Friedrichs, dass er mit neuer Band den Musikstil vollkommen geändert hat oder sich für seine Texte ein völlig neues Thema suchte. Glücklicherweise ist das auch tatsächlich nicht geschehen. Es ist ja vielmehr festzustellen, dass Carsten, als er mit seiner damaligen Band Die Fünf Freunde zum ersten Mal deutschsprachige Texte verfasste, sein Thema bereits gefunden hatte. Ähnlich wie May Spils und Werner Enke in ihren Filmen (Zur Sache Schätzchen, Nicht fummeln Liebling etc.) ist seitdem im Grunde jedes Album unter Carstens Beteiligung eine Wiederholung und zugleich Verfeinerung des Ausdrucks seiner humorvoll-melancholischen Sicht auf die Welt. Erstaunlicherweise erinnert nicht nur die Schaffens- und die Herangehensweise an Spils/Enke, auch in der Art des Humors sind viele Gemeinsamkeiten zu erkennen. Jedoch war in Carstens Texten die Tragik des Daseins oft expliziter formuliert als bei dem Münchner Filmemacher-Duo, auch wenn er mit Hilfe seiner Band Superpunk dies stets mit Dur-Akkorden zu konterkarieren versuchte: Positiv waren seine Geschichten und Betrachtungen trotz Humor meist nicht. Vermutlich auch deshalb, weil positive Kunst meist scheußlich und penetrant ist. In die späteren Superpunk-Titel schlich sich dann aber doch mitunter pure Lebensfreude ein. Titel wie "Ich find alles gut" oder "Babylon Forever" waren genau dies: Positiv, leicht und dennoch wirklich große Kunst und große Statements. Diese fast schon münchnerische Leichtigkeit ist nun im ersten Album der Liga der gewöhnlichen Gentlemen geradezu omnipräsent. Der Titel des Albums "Jeder auf Erden ist wunderschön" ist programmatisch: Dass in dem gleichnamigen Stück dann ein "sogar Du" hinzugefügt wird, ist ein gutes Beispiel dafür, mit wieviel Feinsinn Carsten Friedrichs in seinen Texten Euphorie und Melancholie auspendelt.

DIE WELT IST NEU UND AUFREGEND, DIE WELT IST HELL UND BELEBEND

Auch wenn man nun die verflixte Authentizitätsdebatte befeuert, ist festzustellen: Carsten Friedrichs scheint es momentan sehr gut zu gehen. Und dies erfrischt seine Texte ungemein. Lange schon hat man nicht mehr ein so ergreifendes und einfaches Liebeslied wie "Mach mich traurig" gehört. Natürlich kann man sich auch hier auf den speziellen Friedrichs-Dreh freuen, der dem Stück darüber hinaus einen besonderen Mehrwert verleiht.

Die Texte von Carsten waren zwar noch nie angeberisch, aber sie scheinen nun noch mehr den Zauber des Alltäglichen beschreiben zu können. Das, woran fast alle scheitern, gelingt Carsten mühelos: nie droht Banalität; in dem Titelstück und Opener des Albums "Jeder auf Erden ist wunderschön" wird der Verlauf eines Abends von Beginn auf der Trabrennbahn über das Feuerwerk des Nachtlebens bis hin zur abgebrannten, unglamourösen Heimfahrt im Nachtbus beschrieben. Was aus anderer Feder vermutlich kitschig oder gar nur unappetitlich wäre, vermag der Text mit wunderschöner Romantik und originärem Witz zu schildern. Texter Carsten Friedrichs endet somit nach vielen Alben mit Superpunk nicht in der Routine, sondern läuft zu immer größerer Form auf, ohne die Bodenhaftung zu verlieren.

Selbst in einem Fußball-Ignoranten wie mir wecken Stücke wie "Die Gentlemen Spieler" oder "Nimm mich mit zum Spiel" Interesse an diesem Sport, dem ich seit jeher mit völliger Gleichgültigkeit gegenüberstand. Eben deshalb, weil hier wenige gut formulierte Gedanken reichen, um eine neue Sicht auf die Dinge entstehen zu lassen: "Die Menschen, der Lärm, die halbleeren Ränge, der Rasen, das Licht, die obszönen Gesänge geben mir ein gutes Gefühl. Nimm mich mit zum Spiel" (aus: "Nimm mich mit zum Spiel").

Zeigefinger werden nicht erhoben, Pathos ist nicht am Platze; Carsten bleibt ein Meister des Understatements, er muss nicht mit seiner Bildung kokettieren und schafft es als präziser Beobachter, in einem Satz auf den Punkt zu bringen, worüber andere stundenlang schwätzen; zum Beispiel zum Thema Stadtentwicklung: "Die Boulevards sind hässlich, sogar in der Nacht – irgendwie grässlich von Verrückten gemacht" (aus "Fremder in der eigenen Stadt") oder zum Thema Neoliberalismus: "Geschäftsleute mit Aktentaschen, vielleicht sammeln sie schon morgen Flaschen" (aus "Frühling im Park").

MUSIK GEGEN DIE EINSAMKEIT

Aber Carsten Friedrichs ist nicht alleine. Unterstützt wird er von einer großartigen neuen Band. Natürlich war Superpunk ebenso eine großartige Band und erfreulicherweise ist Tim Jürgens mitsamt seiner stets glänzenden Bassläufe wieder mit dabei. Aber auch die drei übrigen Bandmitglieder sind außergewöhnlich. Erfreulicherweise meldet sich der ehemalige Blumfeld-Schlagzeuger André Rattay zurück. Wir erfahren nicht nur, dass er noch immer ein fabelhafter Schlagzeuger ist, sondern er liefert zudem auch noch tolle Percussion-Einlagen (z.B. in dem Spiderman-Song "Weine nicht, es ist nur ein Film"). Hinter den Keyboards steht der Tapete-Records-Chef und Multiinstrumentalist Gunther Buskies himself; Gitarrist und Saxophonist ist Philip Morton Andernach. Auch er ein Multiinstrumentalist. Zusammen mit Gunther und vielen Gästen spielte er zudem diverse Streich- und Blasinstrumente ein, welche von Zwanie Jonson im "artikel 1 Tonstudio" aufgenommen und co-produziert wurden. Gekrönt wird das ganze dann noch von wunderbaren Chören.

WIE EIN STURZ DURCH RAUM UND ZEIT

Das Ergebnis ist ein wunderbar beswingter, lässiger Sound. Nie entsteht der öde Bombast vieler Streicher- oder Bläserproduktionen im Popbereich. Vielmehr erinnert der Sound an Herb Alpert, Mr. Bloe (auch ohne Trompeten oder Mundharmonika), an Jonathan Richman, Hugo Montenegro und die Four Tops (nicht ohne Grund werden diese in dem Titel des Stücks "Der fünfte Four Top" namentlich erwähnt).

Überall erklingen verschiedenste Flöten, Celli, Violinen, Bass-Saxophone, Tenor-Saxophone, Bariton-Saxophone, Banjos und Anderes, so dass man sich kaum satthören kann.

Man erkennt also bald: Die musikalische Bandbreite des Albums ist viel weiter, als man es beim ersten Hören wahrnimmt. Jedes Stück ist eine kleine Welt und Geschichte für sich. Und diese Welten und Geschichten verbinden sich zu einem sehr schönen und kompakten Album.

Das Stück "Frühling im Park" zitiert auf charmant-dreiste Weise "There She Goes Again" von Velvet Underground und erreicht doch eine eigene wunderbar-bedröhnte und hypnotische Ebene; "Meine Jeans" hingegen ist ein schnelles Rock'n'Roll-Stück mit schrulligem Thema (Zitat Carsten: "Ich dachte mir, es sei eine gute Idee, mal ein Lied über meine Lieblingshose zu schreiben.").

Auch beachtlich ist das einzige Instrumental-Stück auf dem Album, der Abschlusstitel "Nach dem Spiel". Als hätten die Ventures ein wenig zu viel Wick MediNait getrunken und versucht, "Mansion" von The Fall zu spielen. Was für ein fantastischer Abschluss des Albums und Ausblick auf mehr!

Ich wünsche mir nun möglichst viele Live-Auftritte dieser so bescheiden daherkommenden, jedoch eigentlich schon jetzt sehr großen Band – und dann bitte so schnell wie möglich das nächste Album!


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Matthias Kümpflein

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