15.01.2015 08:30 Grillen zirpen.

Musik Rock: Neues Album "inter larvas" - a band of crickets lässt die Dunkelheit vibrieren

a band of crickets wagt ein Projekt ohne Gesichter

a band of crickets wagt das Projekt einer Band ohne Gesichter. Bild 1+2 Quelle: BALLYHOO MEDIA

a band of crickets veroeffentlichen Debuet Album

a band of crickets neues Album inter larvas

Neues Album "inter larvas" © behind the black curtain records

Von: GFDK - Dieter Schienhammer

Sie sind laut und zart, licht und düster. a band of crickets verschmelzen elektronische Musik und akustische Instrumente zu einem dunklen, aber durchaus warmen und gefühlvollen Sound. In bester Tradition von Portishead, Fever Ray, Björk und Moloko folgen sie jedoch ihrem eigenen Weg und collagieren unverhohlen, was ihnen Lust bereitet: Elektronische Klänge werden von fetten Reggae-Bässen durchbrochen – auf schleppende Hip-Hop-Tracks folgen gitarrenverzerrte Hymnen – und plötzlich ein Song knisternd wie Raureif. Sie erzählen von fabelhaften Gleichnissen, hintersinnigen Anekdoten und persönlichen Erlebnissen, die zu phantasievollen Geschichten verwoben sind. Experimentell - aber mit dem richtigen Gespür für eingängige Hörerlebnisse.

a band of crickets wagt das Projekt einer Band ohne Gesichter. Das Album ist nicht Produkt einer fest umrissenen Gruppe, sondern eines Kollektivs aus Berlin und Brandenburg, in dessen Zentrum drei MusikerInnen stehen. Assoziationen durch Aussehen, Alter, Geschlecht und Herkunft sollen irrelevant, die Songs überraschend und frei von jedweder Erwartungshaltung werden.

inter larvas“ bedeutet soviel wie „Unter Masken“. Damit sind nicht nur die dunklen Masken gemeint, die die MusikerInnen aus Berlin und Brandenburg bei Auftritten und auf Fotos tragen. Der Albumtitel knüpft dort an: „Er steht für die Masken, die wir aufsetzen, um den Ansprüchen von Mitmenschen und Autoritäten zu genügen. Die Maskierungen, die wir tragen um uns selbst von anderen abzugrenzen.“  Und schließlich zirkulieren die Geschichten auf dem Album immer wieder um das vereinsamte Individuum, das „mitten unter Masken“ - in einer Gesellschaft des Scheins - die eigenen Schwächen unterdrücken muss und mit Normen, Regeln und Moral zu kämpfen hat. Diese Crux der Vereinbarkeit verschiedenster Identitäten und Persönlichkeitsanteile bildet die Grundlage der Texte und Melodien - zwischen Ratio und Emotionen, zwischen Selbstgeißelung und Reizüberflutung, zwischen Loslassen und Festhalten.

Bereits 2014 veröffentlichten a band of crickets zwei deepe Electronica-Hybriden mit den EPs „ask what it is?“ und „isis at thawk“.  Das 14 Tracks umfassende Debütalbuminter larvas“ überrascht jedoch mit einer Vielfältigkeit, die beeindruckender kaum sein kann.

Das Album beginnt ruhig, aber intensiv mit der Ouvertüre aurora. Verheißungsvolle Geigen mit geheimnisvollen, fast außerirdischen elektronischen Klängen und schwelenden Gitarrensounds tauchen auf wie aus einer früheren Erinnerung. Dann diese Stimme: klein, zerbrechlich, ganz nah. Die Worte sind mehr gesprochen als gesungen. Sie berichtet von einem Asteroiden-Einschlag auf unserem Planeten. „I know I need to get up right now“ - doch das Wesen ist geblendet von Licht. Wabernd wird ein ganzer Klangkosmos aufgebaut – schwillt über Minuten an – bis der Zuhörer sich plötzlich mitten in einer sanft groovenden Party mit vollen, weichen Bässen wiederfindet. Fast schon irrwitzig wandeln a band of crickets die 7-minütige Soundcollage um und führen alles bis dahin gewesene ad acta – wiegende Hüften, fette Bläsersätze - plötzlich befindet man sich im BigBand-Himmel. Das Kollektiv zeigt hier seine unbändige Experimentierlust garniert mit einer Prise Fatalismus.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Dieser gelöste Moment schlägt auf dem zweiten Track blitzschnell wieder in Dramaktik um und torpediert jedwede aufkommende Gelassenheit mit eindringlichen 90er Jahre Synthie-Sounds.  zero handelt von der Absurdität, als Zivilist in Kriegswirren zu geraten, zu erleben wie ein Bombengewitter über dem eigenen Kopf niedergeht. Nach einem lauten Knall herrscht erst absolute Stille, und dann kehren, nach und nach, die Umgebungsgeräusche zurück. Das Bewusstsein macht Instinkten Platz. zero geht weiter nach vorn - der ernste, tiefe, reife Soul des Songs erinnert an Massive Attack. Er ruft zum Weitergehen auf: „Good to go - I've got to leave, this place is killing me“. Der Track mündet in tanzbaren Beats und einem unablässlich wummernden Bass.

aesop bringt den Reggae-Vibe ins Spiel. a band of crickets schmeichelt hier dem Ohr auf eingängige und dennoch distanziert-ernste Weise. Der Song handelt von der Grille aus der Fabel von Aesop. Sie zirpte, während die Kollegen für den Winter vorsorgten. Jetzt ist Winter und die anderen wollen ihr kein Asyl gewähren. Doch das Lied dreht die Moral der Fabel um: unsere singende Grille hat den Moment gelebt, während die anderen nur an ihre Zukunft dachten. Mit der Zeile „You're just a wanderer.“ wird die Grille beschworen, ihr Gezirpe nicht aufzugeben.

Um die Geschichte eines Reisenden dreht sich ebenso der Song the risen one. Er verbindet Ruhe und Rätselhaftigkeit - es ist der große Soundtrack-Moment des Albums. Der Gesang erzählt von einem Reisenden, der erst in die tiefste Schlucht stürzen muss, um „wach geküsst“ zu werden. Eine Fortsetzung des auf der zweiten EP erschienenen Tracks the traveller.

Das an Tortoise oder die Beastie Boys erinnernde brumous roamer ist ein Instrumental. Sehnsüchtige, verheißungsvolle Gitarren spannen einen Bogen, der von einem rohen, enthemmten Rock-Bass gebrochen wird. Zwei Prinzipien, die sich durch das ganze Album ziehen: Phantasie und Romantik auf der einen Seite, Unmittelbarkeit und Körperlichkeit auf der anderen.

Bei hold on schwebt die Stimme der Sängerin über wehenden Flächen und einem wippenden, selbstvergessenen Groove. „Es geht darum, die Freiheit loszulassen, das Festhalten am Nicht-Festhalten, um das wohlige Gefühl freihändig zu fahren, am Besten mit geschlossenen Augen, durch die Nacht und um die Kraft, die das Nicht-Wissen freisetzen kann.“ Charmanter, zeitloser, eindringlicher Pop.

Dann ein Drumsound wie ein Fingerschnippen, eine Bassline, ein futuristischer Bar-Jazz der dritten Dimension, sehr direkt und persönlich, aber doch ganz und gar aus elektronischen Instrumenten gebaut: boats ist eine Stimm-Collage, auf der beschwörendes Summen, melancholischer Sprechgesang und ein unerbittliches Schleifgeräusch zu einem Choral montiert werden. Es ist der unmittelbar politischste Song auf dem Album, eine Hommage an die Boatpeople und das Meer, das dazwischen liegt.

Mit the devil´s pact öffnet sich das Album, und weitere Musiker kommen dazu. Die gegen die Grooves gesetzten, harten Gitarrenriffs erinnern an Tool oder die Melvins. Die wutschnaubende Männerstimme ist ins comichafte stilisiert. Aufgefangen werden die unberechenbaren Gitarrensalven von einer weichen, wippenden Bassline und entrückten, epischen Sound Scapes.

Auf the deceit taucht  auch eine weitere neue Stimme auf. Während die suchenden, tastenden Dubstep-Bässe immer nervöser und insistierender werden, erzählt eine zarte, kindliche Frauenstimme von einer fatalen Liebesgeschichte, und die Sounds werden wie ihre Gefühle immer unauflösbarer. 

Mit shutgun stoßen wir schließlich auf den Soundtrack für staubige Duelle und ultimative Abrechnungen im besten Italowestern-Stil. Klatschend und Westerngitarre schlagend – setzt shutgun inhaltlich the deceit fort und lässt den Rachegelüsten nach enttäuschter Liebesmüh freien Lauf. Es geht nicht mit und nicht ohne ihn - oder sie - oder es. Eine Verfolgungsjagd an dessen Schluss es vermutlich Tote geben wird.

Mit dem zarten, klassischen Pop von solis und dem tiefschürfenden und doch minimalistischen dropout neigt sich das Album dem Ende. Das große Finale beginnt mit einem Moment von Stille. Ein brummender Basston formt sich erst langsam zu Musik. „I'm dropping out, I'm dropping out - this is good bye“, singt die Stimme.

Aber a band of crickets wären nicht das vielgestaltige, kaum zu fassende Kollektiv, wenn es mit diesem Ende tatsächlich vorbei wäre. Nonchalant reißen sie ein, was sie aufbauen und lassen daraus wieder Neues entstehen. „Wir lieben den Gegensatz. So sehen wir auch das Leben - Yin und Yang, Scheiße und Schönes – it's all one Song“. Im the outro kehrt nochmal die rauchige Männerstimme zurück – mit zwinkernder Quintessenz. Und schließlich verlieren sich die letzten jazzigen Rhythmen im Hallraum.

Dieses Album hinterlässt uns staunend. Den Musikern aus Berlin und Potsdam ist ein Werk mit der Größe und der Tiefe von „Dummy“, „Blue Lines“ oder „Homogenic“ gelungen. Als Kollektiv stehen sie für eine radikale Offenheit, mit der sie sich durch die unterschiedlichsten Stile graben. Dabei verfolgen sie aber eine klare Vision zwischen phantastischen, elektronischen Klängen, treibenden Bässen und romantischen Stimmen und Geschichten.

Die Dunkelheit auf „inter larvas“ vibriert. „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“, sagte bereits Rio Reiser. Und die Grillen zirpen dazu ihr Lied.

 

Dieter Schienhammer
BALLYHOO MEDIA
Spanische Allee 108
14129 Berlin
ds@ballyhoomedia.de

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