09.09.2013 08:00 Coltrane-Klassiker "Kulu Se Mama" als Herzstück

Musik: Joachim Kühn, sein Wüstenjazz-Trio und Saxofon-Legende Archie Shepp suchen den "Voodoo Sense" des Jazz

Joachim Kuehn ist der bedeutendste deutsche Pianist der Jazzgeschichte

Kühn lässt Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen. Denn auf „Voodoo Sense“ belebt Kühn eine fast 50 Jahre andauernde Verbindung, führt sie mit seiner aktuellen Band zusammen und lässt beides von jungen afrikanischen Musikern zu neuen Ufern treiben. Bild 1+2: Joachim Kühn © ACT / Steven Haberland

Joachim Kuehn ist kreativ

Joachim Kuehn und Archie Shepp musizieren gemeinsam auf Album Voodoo Sense

Bild 3: Joachim Kühn & Archie Shepp © Silvio Alexandre

Joachim Kuehn veroeffentlicht sein Album Voodoo Sense

Bild 4: Album "Voodoo Sense" © ACT

Von: GFDK - ACT - 4 Bilder

Es gibt Jazzer, die klingen schon in jungen Jahren alt. Joachim Kühn hingegen, der international bedeutendste deutsche Pianist der Jazzgeschichte, ist auch mit seinen nun 69 Jahren neugierig und damit jung geblieben.

Mit seiner Offenheit, seinem Sinn für die Magie der Musik ist er nicht nur einer der großen Experimentatoren, er ist auch einer der großen integrativen Figuren des Jazz. Ob er mit Granden des klassischen Jazz wie Stan Getz, Joe Henderson und Michael Brecker spielte, mit amerikanischen oder europäischen Avantgardisten wie Ornette Coleman, Michel Portal und Bruder Rolf Kühn, mit Weltmusikern wie Rabih Abou-Khalil, mit jungen Wilden wie Michael Wollny und Adam Baldych, oder gar mit dem Thomanerchor Leipzig ein vielbeachtetes Bach-Projekt realisierte, ob er solo auftritt oder mit der Bigband – Kühn liebt die überraschende Begegnung.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Das unterstreicht sein neues ACT-Album „Voodoo Sense“, auf dem er wieder einmal wie ein Katalysator bis dahin in unterschiedlichen Welten lebende Menschen und ihre Musik zusammenbringt. Kühn lässt damit zugleich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen. Denn auf „Voodoo Sense“ belebt Kühn eine fast 50 Jahre andauernde Verbindung, führt sie mit seiner aktuellen Band zusammen und lässt beides von jungen afrikanischen Musikern zu neuen Ufern treiben: 1967 sah Kühn im New Yorker Village Vanguard den Saxofonisten Archie Shepp zum ersten Mal live. „Das ,New Thing‘, vor allem auch rhythmisch, das er und Coltrane in den Jazz brachten, sprach mir aus der Seele und bestätigte mich in meinen eigenen Ideen“, erinnert sich Kühn. Oft kreuzten sich danach die Wege der Brüder im Geiste, die beide ihre Musik für alle Einflüsse offen und universal – Shepp sogar explizit politisch – verstehen. Von 2010 an kam es dann zu einer ausgedehnten Zusammenarbeit im Duo, die mit dem Album „Wo!man“ auf Shepps eigenem Archieball-Label auch dokumentiert wurde.

Ein Duo, das von den Kritikern mit Superlativen bedacht wurde: von einer „intensiven musikalischen Meisterklasse“ sprach Londons Kritiker-Papst Geoffrey Winston, Hans-Jürgen Linke schrieb in der Frankfurter Rundschau, dieses Duo sei „so etwas wie das Original einer afroamerikanisch-spätromantisch geprägten, klangintensiven, fein strukturierten, eruptiven Improvisationskultur in einer spannungsvollen Mitte zwischen rasanter Gegenwart und respektvoller Zurückwendung.“

Was also lag näher, als Shepp in Kühns „Wüstenjazz“-Trio mit dem marokkanischen Guembri- und Oud-Virtuosen sowie Sänger Majid Bekkas und dem spanischen Schlagzeuger und Perkussionisten Ramon Lopez einzubinden. Zumal dieses seit 2003 existierende, für vier ACT-Alben umjubelte und preisgekrönte Trio „mir am meisten gibt und bei uns dreien Priorität hat“, wie Kühn betont. Außerdem wollte Kühn „Voodoo Sense“ wie den Wüstenjazz-Projekten zuvor einen größeren Rahmen geben. Also stellte Bekkas mit Danielle Gouria, Jean Eric Dally, Gilles Ahadji und Bounhar Abdessadek wieder eine handverlesene Truppe afrikanischer Perkussionisten und Sänger zusammen, angeführt vom Talking-Drum-Meister Kouassi Bessan Joseph, der schon 2009 bei „Out Of The Desert“ mit von der Partie war, der jetzt seine Version des afrikanischen Voodoo-Traditionals „Gbalele“ beisteuert und Kühn die zündende Inspiration für das Titelstück lieferte.



Schon der Einstieg in „Voodoo Sense“ ist ein Fanal. Mit „Kulu Se Mama“ steht ein später Coltrane-Klassiker auf dem Prüfstand. Juno Lewis, das kreolische Unikum aus New Orleans, Schlagzeuger, Lehrer und innovativer Instrumentenbauer, hat das Stück 1965 sessionartig mit Coltrane eingespielt, das dann einem seiner legendären Impulse-Alben den Namen gab. Kühn, Shepp und Co. hauchen diesem Meilenstein der Jazzgeschichte auf die ihnen ganz eigene Art neues Leben ein: Textfragmente der tiefsinnigen Originallyrics, interpretiert von Majid Bekkas, und ausgedehnte, improvisierte Soli höchster Expressivität verbinden sich mit der Wucht schleppender arabisch-afrikanischer Rhythmik zu einem neuen Trance-artigen Jazz. Das Ergebnis ist eine große musikalische Meditation, wie sie heute selten geworden ist.

Ob archaische Weltmusik, die blues-getränkte, eigens für Shepp geschriebene Saxofon-Ballade „L’eternal Voyage“, pianistische Harmoniestudie wie „Crossing The Mirror“ oder donnerndes Drama wie das abschließende „Firehorse“, Kühn ist mithilfe seiner Freunde wieder einen Schritt weitergekommen bei seiner Suche nach dem Zauber der einen, einzigen Musik, gewissermaßen dem „Voodoo Sense“.


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