14.11.2013 08:10 Einfluss elektronischer Klänge

Musik Jazz: "New Circle", ein Album urban klingender Weltmusik des Multiinstrumentalisten Geir Lysne

Geir Lysne mit neuer Jazz CD

Geir Lysne: „Ich schreibe keine gewöhnliche Bigband-Musik. In meinen Stücken wird man keine AABA-Liedform finden, keine durchgehenden Swing-Rhythmen, gängigen Changes oder Blues-basierten Themen.“ © Hans Arne Vedlog

Geir Lysne veroeffentlicht neue CD New Circle

Bild 3: Album "New Circle" © ACT/Edel

Von: GFDK - ACT - 3 Bilder

Vor gut 15 Jahren trat eine neue Generation von Jazzern an, um Wege aus der Postbop- und Fusion-Erstarrung zu finden. Vor allem in Skandinavien rissen junge Musiker die bisherigen Genre-grenzen ein, griffen auf die eigene Volksmusik, auf Rock und Pop zurück.

So wurden Esbjörn Svensson mit seiner völlig neuen Auffassung des Klaviertrios oder Nils Landgren mit seinem nordischen Funk berühmt. Bugge Wesseltoft überraschte mit seinen „New Conceptions of Jazz“ und auch sein norwegischer Landsmann, der Trompeter Nils Petter Molvaer, brachte Jazz mit elektronischer Musik und dem Sound seiner Heimat stilbildend zusammen. Kaum weniger revolutionär aber war und ist Geir Lysnes Neudefinition des Bigband-Konzeptes.

Die Einzigartigkeit des „Listening Ensemble“, wie der Norweger seine 1999 gegründete Bigband zunächst nannte, wurde von der Fachwelt früh erkannt: „Diese Band kupfert nichts und nirgendwo ab“, schrieb Werner Burkhardt schon 2001 in der Süd-deutschen Zeitung. Ulrich Olshausen befand 2006 in der FAZ, dass es sich bei Geir Lysne um „einen Solitär und Visionär“ handele und noch im selben Jahr nannte Oliver Hochkeppel in der SZ das Ensemble ein „hinreißend autochthones Gebilde“, das als wohlklingende Avantgarde musikhistorisch das Vienna Art Orchestra beerbt habe. Und erst kürzlich wurde er mit dem ECHO Jazz 2013 (Bestes Bigband Album) bedacht, für seine außergewöhnliche Arrangierkunst für das Album "Big Band!" der NDR Bigband mit dem italienischen Pianisten Stefano Bollani.

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Der Komponist und Multiinstrumentalist Lysne selbst hat seinen Ansatz ex negativo beschrieben: „Ich schreibe keine gewöhnliche Bigband-Musik. In meinen Stücken wird man keine AABA-Liedform finden, keine durchgehenden Swing-Rhythmen, gängigen Changes oder Blues-basierten Themen.“

Stattdessen brachte Lysne auf drei ACT-Alben – unter anderem mit dem Jahrespreis der deutschen Schallplattenkritik, dem dänischen Music Award und dem norwegischen Grammy deko-riert - dem Jazzorchester einen völlig neuen Farbenreichtum bei. Schon durch ungewohnte Instrumentierungen mit Flöten, Perkussion, Laptop und instrumental eingesetzten Stimmen. Vor allem aber durch den ausgiebigen Rekurs auf weltmusikalische Kontexte ergab sich für die große Besetzung eine neue, „nordische“, unverwechselbare Art von melodiösem Raumklang und Dynamik.

So wegweisend erscheint Lysnes Arbeit, dass ihn seither die meisten namhaften Orchester zu Projekten oder Dirigaten eingeladen haben, von der NDR und der hr-Bigband über die UMO Bigband bis zu allen fünf existierenden norwegischen Militärorchestern. Auch Kompositions- und Lehraufträge folgten. Nun aber, mit 48, sah Lysne die Zeit gekommen, „neue Leute zu treffen, neue Musik zu machen und neue Kreise zu ziehen.“ „New Circle“ ist denn auch der Titel seines neuen ACT-Albums, auf dem er erstmals mit der ver-gleichsweise kleinen Sextett-Besetzung auskommt, dafür mit einer ganzen Reihe prominenter Gaststars.

Was nun aber keine Abkehr von den bisherigen Kompositionsprinzipien und Arbeitsweisen Lysnes ist, sondern im Gegenteil ihre Verdichtung und Verstärkung. Obwohl mit Eckhard Baur, Olav Torget, Gjermund Silset und Knut Aalefjaer nur fünf akustische Instru-mentalisten den Stamm bilden, klingt „New Circle“ kaum weniger orchestral als die früheren Alben. Der Schlüssel dazu ist Reidar Skar, ein „wahrer Meister des Computers“, wie Lysne sagt. Skar formte diese „elektro-akustische Rekompositions-Produktion“ (Lysne) mit seinen Verfremdungen und innovativen Computersounds, ohne die künstle-rische Integrität von Lynses Orchestrierungen, Feinheiten, Doppeldeutigkeiten, seine Vorliebe für Folksänger, ethnische Grooves, starke Melodielinien und Soundscapes anzutasten.

„Es war Zeit, städtisch zu werden und den aufregenden, großartigen Vorzug zu spüren, in einer multikulturellen Welt zu leben, in der Musik die universelle Sprache ist“, bringt Geir Lysne das Ziel von „New Circle“ auf den Punkt. Und so zieht einen schon der weit in alle Kontinente und von Ravels Bolero bis zu asiatischen Gesängen ausgreifende urbane Groove des einleitenden „Please Welcome!“ unausweichlich in seinen Bann. Das Gefühl des Vermissens (“Sakn“ auf norwegisch) wird ebenso asiatisch-amerikanisch-europäisch durchdekliniert wie Vorlagen aus den früheren Alben Lys-nes.

So schlängelt sich Kaa, die Dschungelbuch-Schlange, die Lynse auf „Boshjenasti“ vorstellte, diesmal temporeich und federnd durch einen assoziationsreich und prall mit Klängen angefüll-ten Großstadtdschungel. Auch ein dem Joik-Gesang der Samen entstammendes Stück ist wieder dabei – doch „A Million Stars“ scheinen (zum Glänzen gebracht unter anderem durch Peter Badens Elektro-Perkussion und die Posaune von Lysnes großem Bigband-Kollegen Helge Sunde) diesmal nicht nur über der nordischen Tundra, sondern über dem vietnamesischen Dschungel, besungen von der großartigen Huong Thanh und der Gitarre von Nguyên Lê. Auch die britische Comic-Heldin „M.B.“, musikalisch auf „Korall“ zum Leben erweckt, bekommt nun mit „Amana Na Nunga“ eine kleine, afrikanische Nichte.

Durch den Sänger und Kora-Spieler Solo Cissoko aus dem Senegal und Renate Alsings Marimba aus Zimbabwe bekommt schließlich ein norwegischer Kirchenpsalm afrikanische Gestalt. „Alwilly“ ist – so wie kurz zuvor „22“ eine Meditation über das norwegische Trauma des Breivik-Attentates am 22. Juli – ein politischer Song, eine Aufforderung, für den Frieden in der Welt aufzustehen. Die große Kunst aber, an der Gesellschaft und Politik wohl noch lange knabbern werden - Geir Lysne beherrscht sie musikalisch bereits perfekt: Dass das Aufeinandertreffen der globalen Vielfalt so klingt, als hätte alles schon immer zusammengehört.

Rezension:

Jazzthing

http://www.jazzthing.de/review/geir-lysne-new-circle/

 



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