26.11.2013 08:15 Reise in eine galaktische Umlaufbahn

Musik Jazz: Explosive Expeditionen auf neuer CD "Nubium Swimtrip" von Tonbruket

Tonbruket veroeffentlichen neue CD

Tonbruket besteht aus vier extremen Individualisten, die sich hier zu einer einzigartigen kollektiven Identität zusammenfinden. Bild 1: © David Forman

Tonbruket sind Johan Lindström, Andreas Werliin, Dan Berglund, Martin Hederos

Bild 2: Tonbruket - Johan Lindström, Andreas Werliin, Dan Berglund, Martin Hederos © Fredrik Wennerlund

Nubium Swimtrip ist neue CD von Tonbruket

Bild 3: Album "Nubium Swimtrip" © ACT

Von: GFDK - ACT - 3 Bilder

Zeiten ändern sich. Waren Begriffe wie Jazz, Rock, Improvisation oder elektronische Musik einst Prädikate, mit denen Musiker Stellung beziehen, sich abgrenzen konnten, haben sich die ehemaligen Demarkationslinien im Informationszeitalter längst aufgelöst. Heute kommt es darauf an, über den eigenen Horizont hinauszublicken.

Wer ist in der Lage, das weiteste Panorama zu entwerfen, die meisten Idiome auf seine individuelle Sprache zu vereinen, den immer schneller wechselnden Trends mit einer Vielzahl künstlerischer Referenzen zu trotzen und dennoch stets ein Bündel alternativer Klangentwürfe parat zu haben?

Womit sich die Mitte Europas noch ein wenig schwer tut, wird uns in Skandinavien längst eindrucksvoll vorgemacht. Norwegische und schwedische Musiker sind Meister der genreübergreifenden Punktlandung. Eins der versiertesten Beispiele dieser innovativen Bewegung ist das schwedische Quartett Tonbruket.

Nach dem künstlerischen Überraschungserfolg der ersten beiden Alben „Tonbruket“ (2009) und „Dig It To The End“ (2010) setzt die abenteuerlustige Band ihre Expedition ins Niemandsland zwischen verschiedensten Strömen von Jazz, Rock, elektronischer und traditioneller Musik auch auf ihrem dritten Album „Nubium Swimtrip“ fort.

Den vier Musikern geht es jedoch keineswegs um einen wie auch immer gearteten Crossover, sondern um lustvolle Verinnerlichung. Melodien, Bilder, Motive, Rhythmen und Klänge durchmischen sich im offenen Meer. Jeder Versuch, dieses Freispiel auf der gängigen Genre-Landkarte zu verorten, muss scheitern, denn jeder Song bietet neue Ansatzpunkte. Aus der Urmasse von Tonbruket lassen sich ebenso viele mögliche Stile ableiten, wie Einflüsse nötig waren, um in dieser ebenso eindringlichen wie explosiven Mischung zu kulminieren.

Das schwedische Wort Bruket bedeutet so viel wie Hütte, Fabrik, Verwendung oder Gebrauch. Mit anderen Worten, Tonbruket stellt Musik her, gibt dem Klang aber auch ein Zuhause. Besser kann man es nicht fassen. Chef-Tonfabrikant ist Bassist Dan Berglund, der bereits auf eine lange Laufbahn zurückblicken kann.

Ursprünglich als Rock-Gitarrist unterwegs, war er von 1993 bis 2008 im e.s.t., dem Esbjörn Svensson Trio aktiv. Pianist Svensson machte vor, wie man sich der Jazz-Polizei erfolgreich entziehen konnte und kämpfte effektiv gegen das eigene Image als virtuoser Jazz-Romantiker an. Im Bermuda-Dreieck von Kreativität, Poesie und Renitenz öffnete e.s.t. dem Jazz einen riesigen Kanon neuer Spiel-, aber auch Präsentations- und Hörmöglichkeiten. Durch seinen frühen Tod blieb Svenssons Mission unvollendet.

Doch bereits ein Jahr nach dem Ende von e.s.t. gründete Dan Berglund Tonbruket und fand mit dieser Band einen ganz eigenen Weg, sich über die Vorgaben eines willkürlich segmentierten Marktes hinwegzusetzen. Seine Erfahrungen als Rock-Gitarrist waren ihm dabei von großem Nutzen.

Deutscher Krautrock, Bands wie Pink Floyd und Radiohead, Americana à la Bill Frisell, Ambient und analoge elektronische Musik standen Pate für ein musikalisches Bauwerk, das sich wie eine gigantische Kathedrale aus purer Naturerfahrung ausmacht.

Seine Mitspieler suchte sich Berglund nicht etwa in der schwedischen Jazz-Szene, sondern in eben jenem Pool stilistischer Allrounder, zu denen er sich mit Tonbruket seinerseits zugehörig fühlte. Pianist Martin Hederos war nicht nur Mitglied in der populären schwedischen Rockband The Soundtracks Of Our Lives, er krempelte auch in dem Duo Hederos & Hellberg auf denkbar intime Weise die komplette Rockgeschichte um.

Drummer Andreas Werliin ist mit seinem Duo Wildbirds & Peacedrums ein prominenter Mittler zwischen griffigem Alternative Rock und spontaner Improvisation. Saitenmagier Johan Lindström, dessen Erfindungsreichtum auf sechs Saiten bestenfalls mit Bill Frisel vergleichbar ist, gilt als schwedische Allzweckwaffe für jeden erdenklichen musikalischen Kontext, in dem eine Steel oder Slide Guitar, Mandoline, Dobro oder sonst ein besonderes gitarrenartiges Instrument benötigt wird.

Tonbruket besteht aus vier extremen Individualisten, die sich hier zu einer einzigartigen kollektiven Identität zusammenfinden. Der Sound auf „Nubium Swimtrip“ lebt einmal mehr von den packenden Grooves Berglunds und Werliins, von den zentrifugalen Gitarrensounds Lindströms und Hederos’ gravitätischen Keyboard-Flächen, am meisten jedoch vom verschworenen Zusammenspiel all dieser Komponenten. Mehr als auf den ersten beiden Alben werden Kontraste und Konturen rausgearbeitet.

Laut und Leise, Opulent und Reduziert, Traditionell und Visionär stehen sich gegenüber und finden immer wieder zu neuer Einheit. Tonbruket ist die organischste Lösung scheinbar gegensätzlicher Prinzipien der Musik. Die Band um Dan Berglund steht für die Klangerfahrung der Gegenwart, die von Hektik und Stress, aber auch unbändiger Sehnsucht nach Ausgleich, Harmonie und Frieden geprägt ist.

Die Füße auf der Erde, streckt die Band die Hände nach dem Universum aus. „Nubium Swimtrip“ ist nach dem Mare Nubium, einem der sieben großen Moondmeere, betitelt. Tonbruket verlassen mit diesem Album den Erdkreis und nehmen den Hörer mit auf eine galaktische Umlaufbahn, von der er dann samt Band geläutert in den irdischen Alltag zurückkehren kann. Eine Erfahrung der besonderen Art.

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