12.04.2013 07:39 Ein Wanderer und Vermittler zwischen Klassik & Jazz

Musik: Christian Muthspiel - „Seaven Teares“, improvisiertes Spannungsfeld zwischen Kammermusik & Jazz

Musik: Christian Muthspiel - „Seaven Teares“, improvisiertes Spannungsfeld zwischen Kammermusik & Jazz

Bild 1: Franck Tortiller, Matthieu Michel, Christian Muthspiel, Steve Swallow

© Claudio Casanova/AAJ Italia

Von: GFDK - ACT Music - 2 Bilder

Klassik hier und Jazz dort. Die rigide Trennung in komponierte und improvisierte Musik ist so falsch wie unnütz. Damals wie heute: Improvisation war schon immer selbstverständlicher Teil der klassischen Musik - von der Barockmusik bis hin zu Mozart - auch wenn die von der Romantik ausgehende Verehrung der Interpretation diese Tatsache verzerrt hat. Ebenso war Komposition und Arrangement stets auch Teil des Jazz.

 

Glücklicherweise sind diese konstruierten Gräben in den vergangenen Jahren von immer mehr Musikern beider Genres zugeschüttet und überschritten worden. Wenn nun der österreichische Posaunist, Pianist, Komponist und Dirigent Christian Muthspiel bei seinem ACT-Debüt „Seaven Teares“ nun den englischen Meister der Renaissance-Musik John Dowland (1563 bis 1626) in den Jazz überführt, dann ist es nicht mehr außergewöhnlich, wenn er feststellt: „Die dabei zu Tage geförderten Parallelen beider Stilistiken und Epochen lassen den Stellenwert der Improvisation in Dowlands Musik erahnen.“



Christian Muthspiel darf als der ideale Mann gelten,
die 450 Jahre zwischen Dowland und heute zu überbrücken. Seit jeher ist der 50-Jährige ein Wanderer und Vermittler zwischen Klassik und Jazz. Was sozusagen in der Familie liegt: Er und sein jüngerer Bruder, der Star-Gitarrist Wolfgang wuchsen mit dem Wissen um das Spektrum der Musik auf, war doch ihr Vater Kurt Muthspiel Chorleiter, Musikpädagoge und Komponist. Neben der alpenländischen Volksmusik lag diesem die Chormusik der Renaissance besonders am Herzen. Christian lernte erst Klavier und dann Posaune, die er klassisch wie im Jazzfach an der Musikhochschule Graz studierte, nicht ohne das Studium „rechtzeitig und freiwillig“ abzubrechen, wie er heute mit Blick auf die damaligen Verkrustungen sagt.

Lieber bewegte er sich schon Mitte der Achtziger als Mitgründer des „Orchesterforum Graz“ auf Crossover-Terrain. Fortan machte er sich solo, im Duett mit seinem Bruder, mit dem eigenen Trio und als Mitglied des Vienna Art Orchestras (von 1995 bis 2004) einen Namen im europäischen Jazz. Freilich nicht, ohne parallel dazu für klassische Orchester sowie fürs Theater zu komponieren, und sich von Jandl-Interpretationen bis hin zu Neuer Musik in allen möglichen Genres auszuprobieren, immer öfter auch als Dirigent. Seit einigen Jahren ist er auch öffentlich als Maler hervorgetreten.



In diesem breiten Arbeitsfeld, in dem er von der kleinen Jazzband bis zum Symphonieorchester und von der Soloperformance bis zum multimedialen Musiktheater mit unzähligen verschiedentlichen Klangkörpern und Künstlern als Interpreten seiner musikalischen Erfindungen kooperiert, hat der 2007 mit dem Hans-Koller-Preis (Österreichs höchster Ehrung im Jazzbereich) ausgezeichnete Muthspiel zuletzt mit seiner Yodel Group für Furore gesorgt.


Mit einem hochkarätigen internationalen Sextett
verwandelte er da die von seinem Vater gesammelte Volksmusik in neue sinfonische Gebilde. Mit „größtem Respekt“ befand die FAZ und „weit und breit ohne eine Lederhose in Sicht“, schrieb das britische Jazzwise. Zwei der dortigen Mitstreiter, beide hat Muthspiel im Vienna Art Orchestra kennengelernt, sind nun auch bei „Seaven Teares“ mit an Bord, galt es doch, Musiker zu finden, die „sich in der Welt der komponierten Musik genauso selbstverständlich bewegen wie als Improvisatoren und Jazzmusiker.“ Was für den Schweizer Trompeter Matthieu Michel ebenso in besonderem Maße gilt wie für den französischen Vibraphonisten Franck Tortiller, der unter anderem als zeitweiliger Leiter des Orchestre National du Jazz bekannt wurde. Und natürlich auch für den vierten im Bunde: Steve Swallow, nicht nur der große alte Mann des E-Basses und an der Seite nahezu aller US-Berühmtheiten des Jazz dessen vielleicht prägendster Instrumentalist, sondern seit langem auch ein anerkannter grenzüberschreitender Komponist.



Gemeinsam geht es auf eine faszinierende Reise, deren zehn Stationen alle auf Dowlands meisterhaftem Instrumentalzyklus “Lachrimae, or Seaven Teares” basieren. Die kompositorischen Metamorphosen dieses Tränen-Kompendiums von „Tears of Love“ über „Bitter Tears“ bis zu „Crocodile Tears“ bleiben stets nahe am thematischen Material des Originals. Herausforderung war es, „die sehr spezifische Linienführung und daraus resultierende Harmonik als die grundlegenden gestalterischen Elemente zu modifizieren, umzudeuten und in andere Kontexte zu stellen“ wie Muthspiel selbst erläutert. Was in der Praxis weit spaßiger klingt: Etwa wenn die „Happy Tears“ mit einem Flötenthema anheben, das von E-Piano, Vibraphon und einer gedämpften Trompete furios und witzig umspielt wird, die „Endless Tears“ in einer spannungsvollen und beboppigen Ballade gerinnen oder die bläsergetriebenen „Dancing Tears“ mit viel Growl in New Orleans zu fließen scheinen. Das über 400 Jahre alte Material erweist sich als absolut formbar, wird ohne gänzliches Verbiegen hinreißend zur gegenwärtigen, eigenen Musik umgedeutet.



Und so reiht sich Christian Muthspiel mit „Seaven Teares“ unter die vielen ACT-Künstler ein, die verschiedene Klangwelten zusammenführen und sich an Hörer richten, die sich nicht um Musik-Schubladen und –Schablonen kümmern, sondern sich von intelligenter, zeitgemäßer und individuell einzigartiger Musik berühren lassen.




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