25.05.2014 08:05 Henry Butler als Gigant der Giganten in New Orleans

Henry Butler, Steven Bernstein and the Hot 9 vollführen auf "Viper's Drag" eine musikalische Achterbahnfahrt

Henry Butler und Steven Bernstein veroeffentlichen das Album Vipers Drag

Das Repertoire der Band besteht aus klassischen Blues-Nummern von Bessie Smith, frühen Jazzklassikern von Jelly Roll Morton und Fats Waller, aber auch Kompositionen Henry Butlers. Foto: Album "Viper's Drag" © Impulse!

Von: GFDK - JazzEcho

Jahrzehnte hinweg gehörte der Pianist und Sänger Henry Butler so untrennbar zu New Orleans wie etwa der Congo Square und das French Quarter. Ihn an einen anderen Ort zu verpflanzen, wäre einem Sakrileg gleichgekommen. Dann rollte 2005 der Hurrikan Katrina über die Stadt hinweg und machte den blinden Künstler wie so viele andere Einwohner besitz- und obdachlos.

Über Umwege verschlug es ihn 2009 nach Brooklyn/New York, wo er in die zwielichtige Gesellschaft einiger Jazz-Avangardisten geriet. Schräge Typen, vor denen ihn die Traditionsverwalter der Musik von New Orleans, die sich mit Butlers gelegentlichen experimentellen Seitensprüngen ohnehin nie hatten anfreunden können, immer schon gewarnt hatten. Glücklicherweise hat er all diese Warnungen in den Wind geschlagen. Denn sonst wäre die Musikwelt nun nicht um das geniale Album "Viper's Drag" reicher, das Butler mit dem Trompeter Steven Bernstein und dessen Hot 9 aufgenommen hat.

Wir lieben Musik... weil sie uns glücklich macht

Das Album dokumentiert ein Zusammentreffen besonderer Art. Auf der einen Seite ist da der seit Geburt blinde Henry Butler, der die Vielfalt der musikalischen Einflüsse seiner Heimat Louisiana verinnerlicht hat: Jazz, Funk, karibische Klänge, Pop, Blues, Klassik, Rhythm'n'Blues. In New Orleans galt er als Gigant unter Giganten und war Mitglied einer besonderen Bruderschaft, der auch Professor Longhair, James Booker und Allen Toussaint angehören. Seine technischen Fähigkeiten und die enorme Bandbreite seines Repertoires sind legendär. Auf der anderen Seite sind da die New Yorker Häretiker um Steven Bernstein, die in Bands wie den Lounge Lizards, Jazz Passengers, Sex Mob, Peter Apfelbaum's Hieroglyphics Ensemble, der Kamikaze Ground Crew oder dem Millennial Territory Orchestra immer wieder neu bewiesen, dass man, wenn man avantgardistische Jazzklänge nur attraktiv genug verpackt, mit ihnen auch ein großes, nicht unbedingt jazzspezifisches Publikum erreichen kann. Mit "Viper's Drag" dürften sie es erneut schaffen.

Das Repertoire der Band (deren Name eine Anspielung auf zwei legendäre Bands ist, mit denen Louis Armstrong in den 1920ern Jazzgeschichte machte: The Hot 5 und The Hot 7) besteht aus klassischen Blues-Nummern von Bessie Smith, frühen Jazzklassikern von Jelly Roll Morton und Fats Waller, aber auch Kompositionen Henry Butlers. Unter der Patina des Alten bringen die Musiker immer wieder aufregend Neues hervor, kombinieren Ragtime-Passagen mit modernen Dissonanzen oder nostalgische Swing-Bläsersätze mit Second-Line-Rhythmen oder fettem Funk. Und erstaunlicherweise klingt alles wie aus einem Guss. Es ist, als unternehme man eine waghalsige musikalische Achterbahnfahrt in einer Zeitmaschine.

 

Quelle: JazzEcho

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