24.12.2012 08:15 Rastlosigkeit - die Wurzel all ihres Wirkens

Konzert: Y'akoto - Eine Stimme mit Tiefe, Erfahrung und Leben am 2. Februar live in Chiasso

Konzert: Y'akoto - Eine Stimme mit Tiefe, Erfahrung und Leben am 2. Februar live in Chiasso

Bild 1: Y'akoto © WME

Bild 2: Y'akoto Quelle: Neuland Concerts

Bild 3: Album "" © WMG

Von: GFDK - Neuland Concerts - 3 Bilder

Es ist die Rastlosigkeit, die sie antreibt. Der Drang, niemals stehen bleiben und sich stets weiterentwickeln zu wollen. Das Gefühl, niemals anzukommen und trotzdem ständig da zu sein. Der Glaube, sich erstmal verlieren zu müssen, um sich irgendwann finden zu können.
 
Im Leben von Y’akoto ist genau diese Rastlosigkeit die Wurzel all ihres Wirkens, der Ursprung all Ihres Seins; und letztlich wohl auch der Grund dafür, warum ihrer Stimme so viel mehr Tiefe, Erfahrung und Leben innewohnt, als einer Sängerin von 23 Jahren unter normalen Umständen eigentlich zustünde. Aber fangen wir von vorne an.
 
Als Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen wurde Jennifer Yaa Akoto Kieck von klein auf zur Kosmopolitin erzogen. Geboren in Hamburg, aufgewachsen in Ghana und mit Zwischenstopps in Kamerun, Togo und dem Tschad mittlerweile wieder in Hamburg, Lomé und Paris gelandet, ist sie zu einer wahren Wandlerin zwischen den Welten geworden. Zu einer Nomadin, die aus dem Umstand permanenter Veränderung stets Kraft bezogen und ihn als unerschöpflichen Quell ihrer Inspiration verstanden hat. „Die vielen Umzüge, das viele Umherreisen, diese globale Flexibilität – das alles hat mich stark geprägt“, verrät Y’akoto. „Aber ich fühle deswegen keine Zerrissenheit in mir. Im Gegenteil: Erst all die vielen Stationen, Eindrücke und Erfahrungen zusammen ergeben ein großes Ganzes. Mein großes Ganzes.“ Und diese Aussage trifft wohl auch auf ihren bisherigen Werdegang als Musikerin zu, der sich ähnlich aufreibend und facettenreich darstellt wie ihr bewegtes Privatleben.
 
Schon immer hat Musik Y’akotos Leben bestimmt: Ihr Vater war ein bekannter Highlife-Musiker, sie selbst bekam früh Klavierunterricht. Im Alter von 13 Jahren sang sie erstmals in einer Band, mit deren ausufernder Mischung aus Rock, Reggae, Soul und Funk sie erfolgreich durch Jugendclubs tingelte und diverse Bandwettbewerbe gewann. Mit 16 zog es sie im Zuge pubertärer Wechselhaftigkeit kurzzeitig in elektronische Gefilde, bis sie als 18-jährige in einer neuen Formation landete – bestehend aus Beatbox, Gitarre, Bass und Gesang. „Der musikalische Wendepunkt kam dann allerdings erst mit 20“, parallel zu einer vor kurzem erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung zur staatlich geprüften Tanz-Pädagogin, erinnert sich die Sängerin und meint damit ihre Entpuppung zur Solokünstlerin Y’akoto. Konkret heißt das: Weniger Experimente, mehr Konzentration aufs Wesentliche. Kein zwanghaftes Streben nach Innovation, sondern eine Fokussierung auf die Essenz. Kurzum: Effektivität trifft Avantgarde. „Heute geht es mir vor allem darum, mit meinen Songs Geschichten zu erzählen. Deswegen ist der Sound sehr reduziert. Nichts ist zu viel. Ich habe bei dieser Platte sehr darauf geachtet, dass es stets pur bleibt.“
 
 
Diese Platte, das ist ihr Debütalbum „Babyblues“. Eine großartige Sammlung von tiefen Songs, die sie allesamt selbst geschrieben und komponiert hat, und die im Laufe der letzten zwei Jahre in Zusammenarbeit mit Mocky, Haze und dem Produzenten-Team Kahedi (Max Herre, Samon Kawamura und Roberto Di Gioia) entstanden sind. „Einige Stücke auf dem Album wie ‚Good Better Best’ oder ‚Moving’ haben einen sehr starken Afro-Approach. Aber für mich ist es vor allem Folk-Music, weil ich damit eben Menschen, also das Volk, ansprechen möchte. Es geht in den Stücken in erster Linie um das wahre Leben; um das, was uns alle tagtäglich beschäftigt; um Stories, die jeder nachempfinden kann.“ So beeindrucken die Stücke von Y’akoto vor allem dadurch, eine faszinierende Allgemeingültigkeit zu besitzen, ohne dabei beliebig zu klingen. Y’akoto tritt mit ihren Songs in die großen Fußstapfen solcher Künstler wie Billie Holiday, Nina Simone und Erykah Badu und schafft es mühelos, große Gefühle in kleine Geschichten zu verpacken; die Begebenheiten eines Einzelnen zu einer Angelegenheit von vielen zu machen. Und dabei ist sie doch eigentlich bloß auf der Suche nach sich selbst.
 
Das zumindest hat ihr eine spirituelle Frau bescheinigt, die Y’akoto im Zuge ihres letzten Aufenthalts in Afrika aufgesucht hat – eigentlich nur mal so zum Spaß. Doch die alte Dame nahm Y’akotos Hand, sah ihr tief in die Augen und sagte ihr dann mit ernster Mine, sie habe ihre Seele verloren. Ein kurzer Schock. „Doch dann meinte die Frau, dass ich permanent danach suchen würde, und plötzlich hat das für mich vollkommen Sinn gemacht“, erklärt die Hamburgerin. „Deswegen weigere ich mich auch zu sagen, ich würde Soul-Musik machen. Soul-Seeking-Music trifft es viel besser.“
 
Denn schließlich ist Y’akoto ja eigentlich bloß auf der Suche nach sich selbst. 
 
Klar ist jedoch: So eine Suche ist alleine kaum zu bewerkstelligen. Man braucht ein Team fähiger Leute um sich herum, dem man genug Vertrauen entgegen bringt, um gemeinsam aus dieser seelsuchenden Mission ein musikalisches Manifest zu machen. Und dieses Team hat Y’akoto in Mocky, Haze sowie Max Herre, Samon Kawamura und Roberto Di Gioia aka Kahedi gefunden. „An Mocky schätze ich vor allem seine Impulsivität“, schwärmt die Sängerin über die Zusammenarbeit mit dem in Berlin ansässigen Kanadier. „Ohne viele Worte zu verlieren, wusste er sofort, worum es mir ging. Er hat stets den richtigen Spirit mit ins Studio gebracht und besitzt eine Experimentierfreude, die meiner Herangehensweise an Musik sehr entgegen kommt.“ Als ähnlich fruchtbar erwies sich die Kollaboration mit Max Herre. „Es ist immer ein sehr heikler Moment, bei Gesangspassagen sein Innerstes nach außen zu kehren. Aber Max ist selbst Vokalist, daher bringt er ein ungemeines Verständnis für meine Belange als Sängerin mit“, erzählt die 23-jährige über die Zeit im Studio und ergänzt: „Alle Beteiligten sind vor allem tierisch gute Musiker. Jeder ist in seinem Metier exzellent. Umgehauen hat mich jedoch vor allem, wie viel Zeit und Liebe jeder einzelne in dieses Projekt investiert hat. Das hat sich alles so harmonisch, so natürlich, so richtig angefühlt – und ganz und gar nicht wie ein Job.“
 
Und dieses Gefühl von Kohärenz zieht sich merklich hörbar wie ein roter Faden durch die Songs auf dem Album. Die Leichtigkeit jedes einzelnen Stückes markiert den Knotenpunkt zum nächsten, der individuelle Zugang zu den Tracks wirkt wie verwoben mit der allgemeinen Liebe zur Musik.
 
Man nehme nur mal den treibenden Song „Moving“, ein vertontes Sinnbild für melancholische Mystik und ausufernde Sexyness. Ein Stück, das nachhallt und nachhält; das einem kaum Luft zum Atmen lässt, weil es kein richtiges Ende finden will und keinen richtigen Anfang hat. Ein Tune, der vor allem Y’akotos experimenteller Seite entsprungen ist; ihrem ausgeprägten Hang zur Nonkonformität.
 
Das zeigt auch ihre erste Single eindrucksvoll: Denn anstatt sich der Welt mit einem heiteren Stück wie „Good Better Best“ vorzustellen, das zusammen mit Haze zu einer mitreißenden Referenz an afrikanische Tanztraditionen in eine leichtfüßige Weltmusik-Hymne verwandelt wurde, erzählt Y’akoto im bewegenden „Tamba“ vom schrecklichen Schicksal eines afrikanischen Kindersoldaten. Der Song transportiert Bilder, die sich im Kopf eines jeden Hörers festsetzen wie Granatensplitter; die das furchtbare Los der minderjährigen Militärs akustisch fühlbar werden lassen. „Natürlich ist das kein Stück, das einem beim Zuhören ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Aber es bringt einen zum Nachdenken“, erklärt Y’akoto ihren Entschluss, „Tamba“ als erste Single zu veröffentlichen. „Musik muss eben auch nicht immer angenehm sein. Manchmal muss es weh tun, um etwas bewirken zu können.“ Und eine anhaltende Wirkung wird man diesem Album kaum absprechen können.
 
Y’akoto kehrt auf „Babyblues“ ihr Innerstes nach außen, legt Zeugnis ab von der emotionalen Schwere, mit der sie beim Schreiben und Komponieren ihrer Songs streckenweise ummantelt war. Vor allem der Titeltrack unterstreicht die versteckte Schattenhaftigkeit im sonst so hellen Wesens  Y’akotos, auf dem sie von zerbrechlichen Pianoklängen begleitet in die Tiefe ihrer Seele hinabsteigt und das schwarze, pulsierende Etwas ihrer selbst zutage fördert. „Ich habe tatsächlich eine Zeit lang den Blues in mir gespürt“, gesteht Y’akoto und lacht. „Ich habe mich da tierisch hineingesteigert, und das war hart – hat aber ebenso viel Spaß gemacht. Das war ein Aufleben eines sehr albernen, sehr kindlichen Gefühls – deswegen eben auch der Titel ‚Babyblues’“.
 
Wie die 23-jährige die Bedeutung ihrer Worte mit tonnenschwerem Gefühl zu untermauern weiß; wie sie ihren jugendlichen Elan mit den vokalen Fähigkeiten einer gestandenen Sängerin verknüpft; wie sie ihre Sensibilität für emotionale Momente aus ihrer hanseatischen Unaufgeregtheit herausschält – das perlt nicht stumpf an einem ab. Das berührt. Das bewegt. Das zeigt Wirkung.
 
Es ist eben dieser Drang, niemals stehen bleiben und sich ständig weiterentwickeln zu wollen. Dieses Gefühl, niemals anzukommen und trotzdem ständig da zu sein. Dieser Glaube, sich erstmal verlieren zu müssen, um sich irgendwann finden zu können.
 
Es ist diese Rastlosigkeit, die sie antreibt.
 
 
„Eine echte musikalische Sensation“ (Arte Tracks, 10 / 2011)

 

LIVE:

Samstag, 2. Februar 2013
Chiasso (CH), Jazz Festival Chiasso

 

 

Neuland Concerts
Alter Wandrahm 14
20457 Hamburg

Email: info@remove-this.neuland-concerts.com