08.09.2012 07:41 11. bis 14. Oktober 2012

Konzert Klassik: Die 65. Neuburger Barockkonzerte bieten verschiedene Blicke auf die französische Barockmusik

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Von: Christian Dijkstal - 7 Bilder

NEUBURG. „Französische Barockmusik am Hofe des Sonnenkönigs“ sind die 65. Neuburger Barockkonzerte überschrieben. Sie finden vom 11. bis zum 14. Oktober 2012 in Neuburg an der Donau statt und möchten den Besuchern eine Vielfalt von Einblicken in die Welt des Hofes von Versailles gewähren. Dabei gehen die Ansprüche, qualitativ hochwertige Konzerte in historisch informierter Aufführungspraxis anzubieten und den Hörern zugleich auf unterhaltsame Weise Spaß an der Musik zu vermitteln, Hand in Hand.

 

Die neue Künstlerische Leiterin der Neuburger Barocktage, Jutta Dieing, charakterisiert das Programm mit den Worten: „Hochkarätig, abwechslungsreich und außergewöhnlich.“ Auch weiterhin wird das renommierte Festival jährlich ein bestimmtes Thema haben. Neu ist, dass die Veranstaltungen das zentrale Thema von verschiedenen Seiten her beleuchten werden. Lebenssicht und Philosophie eines Zeitraums werden durch das jeweilige Motto der einzelnen Konzerte und die ausgewählte Literatur mit einbezogen und durch die Musik spürbar gemacht. So wird die Konzertreihe zugleich ein kleines Panorama ihres historischen Umfelds bieten.

 

 

Instrumentalisierte Kunst

In diesem Jahr ist es also die glanzvolle barocke Hofkultur in Versailles zu Zeiten Ludwigs XIV. (1643-1715). Paris war zum Mittelpunkt des barocken Europas geworden. Der Sonnenkönig suchte seine Macht auch durch ein Höchstmaß an Prachtentfaltung darzustellen. Dazu versammelte er die besten Künstler aller Disziplinen um sich. Deren Förderung stellt einerseits ein zuvor nie da gewesenes Mäzenatentum dar, andererseits den (erfolgreichen) Versuch, die gesamte Kunstlandschaft Frankreichs zu beeinflussen, sie zu prägen und -nicht zuletzt- im Interesse der eigenen Politik zu instrumentalisieren. Versailles, das Märchenschloss Ludwigs XIV. mit größenwahnsinnigen Dimensionen, ist schlichtweg das Symbol des Absolutismus des Hoch- und Spätbarocks. Rund 700 Zimmer hat das Hauptgebäude; etwa 10.000 Menschen bewohnten das größte Schloss Europas.

 

Im Glanz des Sonnenkönigs

In diesem Ambiente waren Künstler zu finden, die Meister ihres Fachs waren und bei Ludwig in hohem Ansehen standen. Molière ist hier zu nennen, der kritische Dramatiker, an dessen Werken der 20-jährige König Gefallen fand; er machte ihn zu seinem Vergnügungsdirektor. Mit ihm zusammen arbeitete Jean-Baptiste Lully, Komponist, Dirigent und Ballettmeister, der dem universell gebildeten König das Tanzen beibrachte. François Couperin, Komponist, Musiklehrer der königlichen Familie und Hoforganist, findet man unter ihnen oder Marin Marais, den genialen Gambisten. Werke, die sie und einige ihrer Kollegen bei Hof der Nachwelt hinterlassen haben, werden bei den Neuburger Barockkonzerten zu hören sein. Dem barocken Glanz und der reinen Kunstmusik gegenüber werden die Idyllen und Schäferszenen stehen, die die übersättigte vornehme Gesellschaft sich als Gegengewicht zur alltäglichen Pracht schaffen und in „volkstümlicher“ Manier ausstaffieren ließ -einer freilich sehr luxuriösen Volkstümlichkeit.

 

Verschiedene Sichtweisen

So zeigt sich dem Hörer ein ganzer Kosmos höfischer französischer Kunst, worin -bei aller Verschiedenheit und Farbigkeit- doch alles miteinander verflochten ist. Man kann auf diese Weise die mit hohem künstlerischem Anspruch wiedergegebene Musik in einem Spannungsfeld erleben: Aus welchem Umfeld stammt diese Musik? Was motivierte die Komponisten, sie zu schreiben? Welche Musik, welche Künstler und letztlich was überhaupt förderte Ludwig? Interessant wird dabei sein, wie verschiedene Ensembles die Musik dieser Zeit auffassen und wiedergeben. Die eine oder andere Überraschung in den Konzerten ist garantiert, im besten Sinne spannende Musikerlebnisse sind versprochen: Die Welt des Sonnenkönigs ist bunt und schillernd. Auch junge Hörer dürfen sich von den charmanten, oft humorvollen Veranstaltungen angesprochen fühlen.

 

 

Vom Opernpasticcio bis zur Jazz-Improvisation

Den Anfang des in der Region einzigartigen Festivals macht am 11. Oktober die Compagnie Opéra Baroque mit einem Opernpasticcio, das Szenen aus Stücken von Molière (1622-1673) mit weltlichen Kantaten -eigentlich Opern en miniature- von Michel Pignolet de Montéclair (1667-1737) verbindet. Kompositionen von François Couperin (1668-1733), der als wichtigster Vertreter der französischen Musik zwischen Lully und Rameau gilt, und von Marin Marais (1656-1728) ergänzen die Handlung, in der Mythologie und Legenden mit Eifersucht, Intrigen und amüsanten Episoden am Hof von Versailles zu einer neuen, witzigen Theatergeschichte unter dem Titel „Le triomphe de l‘amour“ verschmelzen (Donnerstag, 11. Oktober, 20.00 Uhr, Stadttheater Neuburg).

 

Ganz andere Zusammenhänge sind am darauffolgenden Abend im Birdland Jazz Club zu erleben. Hier schlägt Joachim Kühn, musikalischer Weltbürger und genialer Jazz-Improvisator, eine Brücke zwischen französischer Barockmusik und zeitgenössischem Jazz. Der klassisch ausgebildete Pianist, der sehr bald den Jazz als seine musikalische Heimat entdeckte, setzt sich seit den 1990er Jahren verstärkt mit der Musik auseinander, in deren Tradition er aufgewachsen ist. Auf seiner 2005 erschienen CD „Allegro Vivace“ findet sich neben den Namen Bach und Mozart der Name Couperin, über dessen „Kyrie“ aus der „Messe à l‘usage ordinaire des paroisses“ Kühn improvisiert. Was der gebürtige Leipziger in Neuburg spielen und worüber er improvisieren wird, ist vorerst sein Geheimnis. Man darf also gespannt sein. (Freitag, 12. Oktober 2012, 20.30 Uhr, Birdland Jazz Club Neuburg).

 

Ein musikalisches Schäferstündchen bietet am Samstagabend das österreichische Ensemble Accentus Austria mit dem eigens für Neuburg zusammengestellten Programm „Gentillesses de Village“. Wenn dieser Terminus auch im Lauf der Zeit zur Beschreibung einer sehr intimen Begegnung geworden ist, liegt sein Ursprung doch im eher harmlos-unverfänglichen Schäfer-und-Schäferin-Spiel, das die feine Gesellschaft in freier Natur zu zelebrieren beliebte. Intensive Verbindungen können indes Ohr und Empfinden sicher mit den galanten Kompositionen von Joseph Bodin de Boismoitier (1689-1755), Esprit-Philippe Chedeville l‘Aine (1696-1762) oder François Couperin eingehen. Und auch die Liebe zu einem damals gängigen, heute eher exotischen Instrument mag hie und da entflammen: zur kurios anmutenden Drehleier, die für diese Art Musik raffiniert weiter entwickelt wurde. Ein unterhaltsam-prickelndes Erlebnis -heute wie vor 300 Jahren. (Samstag, 13. Oktober 2012, 20.00 Uhr, Kongregationssaal Neuburg).

 

Kammermusikalisch ist die Matinee geprägt, die am Sonntag in der Schlosskapelle zu hören ist. Hier begegnen einander Laute und Viola da gamba, um unter dem Titel „La Marche Persan“ von fernen Ländern zu erzählen oder besser: um mit Weisen zu erklingen, die ihre Schöpfer für tartarisch, arabisch oder sonst exotisch hielten. Es begegnen einander auch Engel und Teufel, denn gespielt werden -neben Werken von Jean Gallot (gestorben 1690) und Jean-Baptiste Lully (1632-1687)- Kompositionen von Marin Marais, genannt „l‘ange“, und seinem Widersacher Antoine Forqueray (1672-1745), den man „le diable“ nannte. Vittorio Ghielmi (Viola da gamba) und Luca Pianca (Laute) sind Spezialisten für diese Art von Musik. Stücke aus der Sammlung der Madame La Rochette (Nantes 1758) für den Pardessus de Viole, eine heute ausgesprochen selten zu hörende Diskantgambe, geben dem Programm eine weitere Facette. (Sonntag, 14. Oktober 2012, 11.30 Uhr, Schlosskapelle Neuburg).

 

Die Neuburger Barocktage klingen aus mit einer lieblichen Abendmusik, die einen bescheidenen Eindruck von den Kammerkonzerten am Hof von Versailles vermitteln mag. Man muss sie sich von sehr zurückhaltendem Charakter vorstellen. Beim Konzert des österreichischen Ensembles Private Musicke spielt die Traversflöte eine wichtige Rolle. Im Umfeld der Musiker am französischen Hof entwickelt, wurde die Flûte traversière rasch zum Modeinstrument, denn ihr Klang war zart, ausdrucksstark und kam der menschlichen Stimme relativ nahe. Zudem hatte er etwas Naturhaftes. So kann man das Programm mit Werken von u.a. Marin Marais, Jacques Martin Hotteterre (1674-1763) und Ludwigs Gitarristen Robert de Visée (1660-1732) unter dem Titel „Concert de Rossignol“ auch als eine Verbindung von feinster Kammermusik und dem Verlangen nach Natur und ländlicher Idylle verstehen. Barockgitarre, Theorbe und Viola da gamba werden, gemeinsam mit den beiden Traversflöten, in unterschiedlichem Zusammenspiel für eine Fülle edler Klangvariationen sorgen. (Sonntag, 14. Oktober 2012, 17.00 Uhr, Provinzial-bibliothek).

 

 

Kostbarkeiten des Barocks, kompetent und ansprechend aufgeführt an faszinierend

schönen Orten: Das versprechen die 65. Neuburger Barocktage. Alte Räume und

Alte Musik können so eine neue Sicht vermitteln auf die Klänge einer Epoche, die uns zugleich bekannt und doch weit entrückt scheint.

Christian Dijkstal

 

 

 

Eintrittskarten für alle Veranstaltungen sind erhältlich bei der Touristinformation (Ottheinrichplatz A 118, 86633 Neuburg a.D.); Service-Telefon: 08431/55-240 bzw. 241; E-Mail: kultur@neuburg-donau.de und direkt unter www.eventim.de.

Karten für das Konzert von Joachim Kühn (Freitag, 12. Oktober) sind nur erhältlich beim Birdland Jazz Club Neuburg, Tel.: 08431/41233, E-Mail: mail@remove-this.birdland.de.

 

 

 

65. Neuburger Barockkonzerte

11. bis 14. Oktober 2012

 

Künstlerische Leiterin:

Jutta Dieing M.A.

Tel.: 0172/517 30 73

E-Mail: jutta_dieing@remove-this.yahoo.de

 

 

Frau Dieing steht für Gespräche oder Interviews gerne auf Anfrage zur Verfügung.

 

 

Pressekontakt:

Christian Dijkstal

Freier Journalist und Fotograf

Tel.: 0971/699 18 72

Mobil: 0171/40 35 125

E-Mail: presse-barocktage@email.de

 

Bilder /Copyrights

Bild 1: Ensemble Accentus
Bild 2: Companie Opera Baroque
Bild 3+5: Stadt Neuburg an der Donau
Bild 4: Joachim Kühn (c) Sergei Gavrylow
Bild 6: Private Musicke
Bild 7: Vittorio Ghielmi, Luca Pianca