22.04.2017 08:05 alt trifft neu

Konzert-Highlight in Füssen: Festival vielsaitig 2017

Verdi Quartett gibt Konzert auf dem Vielseitig Festival in Fuessen

Das Festival vielsaitig setzt zeitgenössische und alte Musik in einen erstaunlichen Kontext zu den repräsentativen Klosterräumen. Verdi Quartett, Foto Kulturamt Füssen/ Peter Samer

Austragungsort des Musikfestival Vielseitig im Kloster Kirche St. Mang

Luftbild Kloster Kirche St. Mang, Panorama (c) Kulturamt der Stadt Füssen, Foto Robert Klinger

Von: GFDK - Angela van den Hoogen

Die idyllisch gelegende Stadt Füssen im Allgäu gilt als „Wiege" des europäischen Lauten- und Geigenbaus und erlangte damit eine einzigartige Bedeutung in der Musikgeschichte. Dieses historische Erbe findet sich im Musik-Festival vielsaitig wieder, das die Wechselbeziehung zwischen Geigenbau und Musik thematisiert und im ehemaligen Benediktinerkloster St. Mang stattfindet.

Johann Sebastian Bach wird nicht schlecht gestaunt haben, als ihn sein Weimarer Dienstherr 1717 wegen „halsstarriger Bezeugung“ einsperren ließ, bevor er ihm gestattete, seinen neuen Posten im benachbarten Köthen anzutreten. In Belgrad staunten die Osmanen über Prinz Eugen, den „edlen Ritter“, der die Stadt mittels einer Ponton-Brücke eroberte, in Kassel der hessische Landgraf Karl über den Herkules und die Kaskaden der Wilhelmshöhe, die 1717 nach den Entwürfen des römischen Architekten Giovanni Francesco Guerniero vollendet worden waren, und auf der Themse regalierte Georg Friedrich Händel im Sommer seine Höchste Majestät Georg I. mit der Wassermusik ...

Das Allgäu hat schon sein Wunder erlebt

Am 15. Februar 1717 konnte Füssen die Kirchweih seines neuen Klosters St. Mang feiern, mit dem der Baumeister Johann Jakob Herkomer vor 300 Jahren eine der eindrucksvollsten Klosteranlagen des süddeutschen Raumes geschaffen und sich selbst ein Denkmal gesetzt hatte.

Das denkwürdige Jubiläum bildet in diesem Jahr den Rahmen für das Festival vielsaitig, das sich den staunenswerten Dingen natürlich nicht entziehen konnte. Es war nur konsequent, die elf musikalischen Hauptereignisse des traditionsreichen Festspiels in diesem Jahr an dem nächstliegenden Motto „Staunen“ auszurichten.

Festival vielsaitig in Füssen

Das Festival vielsaitig setzt zeitgenössische und alte Musik in einen erstaunlichen Kontext zu den repräsentativen Klosterräumen. Nach dem Eröffnungskonzert mit dem Verdi Quartett laden der Countertenor Valer Sabadus und der Lautenist Axel Wolf zum „Musical Banquet“ ein. Die Harfenistin Ronith Mues stellt ihr beeindruckendes Instrument vor und der im Allgäu beheimatete Trompeter Matthias Schriefl zeigt mit seinem Projekt „Shreefpunk plus Strings unplugged“ wie sich – man höre und staune – Jazz  und Punk mit moderner Klassik verbinden. Staunen dürfen wir beim Festival vielsaitig auch über den Magier Harry Keaton, das junge Duo Gabel und den Pianisten Matthias Kirschnereit.

500 Jahre Reformation

Das Thema Staunen blickt auch auf ein anderes denkwürdiges Jubiläum: 500 Jahre Reformation! Mit Martin Luthers Lobgesang „Mitten wir im Leben sind“ begleiten uns das Calmus Ensemble Leipzig und die Lautten Compagney Berlin auf einer Zeitreise vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart - und lassen uns dabei schmunzelnd und staunend die große Zeitspanne vergessen.

Vielseitiges Festival-Programm

Das Festival beginnt am 30. August im Kaisersaal von St. Mang mit dem Auftakt des Verdi Quartetts, das von zwei Werken der Venezianerin Maddalena Sirmen (1745-1818) über Benjamin Brittens späte Hommage an die Stadt der Dogen und Kanäle bis zu Robert Schumanns drittem Streichquartett führt.

Am nächsten Abend dürfte vor allem der „klassisch“ orientierte Teil des Publikums staunen: Shreefpunk plus Strings unplugged heißt es ab 20.00 Uhr im Kaisersaal, wenn der Trompeter, Alphornist und Sousaphonspieler Matthias Schriefl mit seinen Kollegen Alex Eckert (Gezupftes) und Alex Morsey (Gebläse und Stimme) sowie vier Musikern der Münchner Philharmoniker den barocken Raum mit jazzigem Punk füllen.

Ein ganz erstaunlicher Zeitsprung führt danach am 1. September zu einem Musical Banquet der englischen Spätrenaissance, das der junge, in Rumänien geborene Countertenor Valer Sabadus gemeinsam mit dem Lautenisten Axel Wolf servieren wird: Auf der Karte des phänomenalen Sängers und seines nicht minder kunstreichen Begleiters stehen exquisite Lieder und Instrumentalsätze berühmter europäischer Komponisten, die John Dowlands Sohn Robert 1610 in einer reichhaltigen Sammlung hat drucken lassen. Dass sich diese Musik ganz trefflich entfalten wird, liegt in der akustischen Natur des prächtigen Kaisersaals begründet ...


... der seine besonderen Qualitäten auch am 2. und 3. September in den Dienst intimer Kammermusiken stellen wird. Zunächst unterstützt er Ronith Mues, die vielfach ausgezeichnete Soloharfenistin des Konzerthausorchesters Berlin, bei ihrem zauberhaften Recital, in dem sich Miniaturen dreier Jahrhunderte zu einem geradezu beseligenden Reigen fügen, und am folgenden Abend werden sich die junge Geigerin Xixi Gabel und ihr noch jüngerer Bruder, der Geiger und Pianist Kai Gabel, mit Duos von Charles-Auguste de Bériot und Sergej Prokofieff sowie mit Ludwig van Beethovens Frühlingssonate und der zweiten Violinsonate von Erwin Schulhoff vorstellen.

Am Dienstag, den 5. September, schließt sich das zweite Konzert des Verdi Quartetts an. Das vierköpfige „künstlerische Beratergremium“ des Festivals vielsaitig präsentiert zum Auftakt seines Programms das Streichquartett F-dur op. 18 Nr. 1 von Ludwig van Beethoven, bevor der Pianist Hatem Nadim, der Geiger Matthias Ellinger und der Cellist Zoltán Paulich dazu einladen, das einsätzige Klaviertrio op. 8 des Leningrader Konservatoristen Dmitrij Schostakowitsch zu bestaunen. Das „Verdi-Trio“ Susanne Rabenschlag, Karin Wolf und Zoltán Paulich widmet sich abschließend gemeinsam mit Hatem Nadim dem dritten Klavierquartett c-moll op. 60 von Johannes Brahms – und somit einer jener wundersamen verblüffenden Kreationen, mit denen sich der skrupulöse Romantiker auf seine erste Symphonie vorbereitete.

Jubiläumsjahr des Klosters St. Mang

„Staunen“ ist im Jubiläumsjahr des Klosters St. Mang auch weiterhin garantiert. Matthias Kirschnereit, ein längst vertrauter, beliebter, mit seinen Werkfolgen immer wieder überraschender Pianist, hat für den 6. September vier Solowerke ausgewählt, die vom ersten bis zum letzten Takt verblüffen. Eine Klaviersonate von Muzio Clementi mit dem Thema aus Mozarts Zauberflöten-Ouvertüre; die Kinderszenen – „kleine putzige Dinger“, die Robert Schumann als eine Rückbesinnung schrieb; eine „Anti-Sonate“ von Claude Debussy mit Namen Images; sowie ein schwelgerisches Bekenntnis und romantisches Geständnis des jungen Johannes Brahms in Form der beinahe symphonischen Sonate op. 5 – da werden Laien und Fachleute gewiss auf die ihnen sprichwörtlich eigene Art reagieren.

Tags drauf wird der Magier Harry Keaton, der seine Kunst unter anderem schon vor Prinz Charles und der spanischen Königin Sophie gezeigt hat, mit mancherlei mysteriösen Manipulationen und Machenschaften dem Motto des Jahres gerecht: Ob man ihn vor dreihundert Jahren nach seinem Klosterbesuch ungeschoren hätte ziehen lassen, sei dahingestellt.

Der Abend des 8. September gehört dann einem weiteren Jubilar des Jahres 2017: dem ehemaligen Klosterbruder und nachmaligen Reformator Martin Luther, der – wie’s die Geschichte will – am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen ans Tor der Schlosskirche von Wittenberg genagelt haben soll. Am Eingang zur Füssener Christuskirche werden freilich andere Merkzettel zu haben sein: das Programm zum Festkonzert mit dem Leipziger Calmus Ensemble und der Lauten Compagney Berlin. „Mitten im Leben 1517“ haben die beiden erfolgreichen Spezialisten-Ensembles für Alte Musik ihr lebensfrohes Abenteuer überschrieben, das im Nu ein halbes Jahrtausend überwindet.

Wie in jedem Jahr, so wird auch 2017 das Festival vielsaitig von zwei Konzerten der Meisterkurs-Teilnehmer beschlossen. Diese finden am 9. September um 17.00 und 20.00 Uhr im Kaisersaal statt und geben dem Publikum ohne Frage mit ihrer gebündelten Fülle musikalischer Talente noch einmal zum Staunen reichlichen Anlass.

Freunde der Kunst

Führungen, Vorträge und Meisterkurse für Streichinstrumente und Klavier sowie der „Treffpunkt Geigenbau" vertiefen und verbinden das vielsaitige Spektrum des Festivalprogramms.


Konzertübersicht 2017

Mi, 30.08.2017, 20:00        Kaisersaal    Verdi Quartett
Do., 31.08.2017, 20:00        Kaisersaal    Matthias Schriefl: Shreefpunk & String 4
Fr., 01.09.2017, 20:00        Kaisersaal    Valer Sabadus & Axel Wolf
Sa., 02.09.2017, 20:00        Kaisersaal    Ronith Mues (Harfe)
So., 03.09.2017, 20:00        Kaisersaal    Duo Gabel
Di., 05.09.2017, 20:00        Kaisersaal    Verdi Quartett & Hatem Nadim
Mi., 06.09.2017, 20:00        Kaisersaal    Matthias Kirschnereit
Do., 07.09.2017, 20:00        Kaisersaal    Harry Keaton (Magier)
Fr., 08.09.2017, 20:00        Christuskirche    Calmus Ensemble & Lautten Compagney
Sa., 09.09.2017, 18:00        Kaisersaal    Abschlusskonzert Meisterkurse
Sa., 09.09.2017, 20:00        Kaisersaal    Abschlusskonzert Meisterkurse


Veranstalter und Informationen: Kulturamt der Stadt Füssen, Lechhalde 3, 87629 Füssen,
Tel. + 49 (0) 8362 903146, kultur@fuessen.de, www.festival-vielsaitig.fuessen.de
Vorverkauf ab 03.04.2017 bei der Tourist Information Füssen

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