07.09.2012 07:04 Line-up erlesener Begleitmusiker

Jazzfans aufgepasst! Jazzvirtuose Lionel Loueke ist im November mit seinem neuen Album "Heritage" auf Tour

(c) Brantley Gutiurrez for Blue Note/ EMI

Von: Q-rious Music - 3 Bilder

 

Als Jon Pareles von der New York Times den Gitarristen und Sänger Lionel Loueke als “einfühlsamen Virtuosen” lobte, hatte der Blue-Note-Künstler bereits mit Karibu und Mwaliko zwei hochgelobte Alben veröffentlicht, dem er nun mit Heritage ein so stilistisch außergewöhnliches wie meisterlich produziertes Werk folgen lässt.
Heritage wurde von seinem Labelkollegen, dem Pianisten Robert Glasper co-produziert und ähnlich wie sein Freund auf seinem letzten Album “Black Radio” verfolgt auch Loueke auf seinem jüngsten Werk einen stärker elektronisch konnotierten Ansatz. Das zeigt sich schon im Line-up der erlesenen Begleitmusiker und auch darin, dass Loueke, der für seine bewundernswerten Fähigkeiten auf der nylonbesaiteten Akustikgitarre geschätzt wird, auf Heritage genau darauf vollkommen verzichtet. Sein Wechsel zu Stahlsaiten und E-Gitarren geht einher mit
einer Besetzung zu der Robert Glaper ebenso gehört wie Derrick Hodge am E-Bass und Mark Guiliana am Schlagzeug. Allem fulminanten Groove und der ausgesprochenen Improvisationslust zum Trotz bleibt Louekes sanfte Handschrift, sein Talent für die Poesie der Melodien, auf Heritage stets das treibende Element.


Loueke, der bereits in Formationen von Terence Blanchard und Herbie Hancock spielte, führt auf seinem neuen Album Jazz mit beeindruckendem Ergebnis zu seinen afrikanischen Wurzeln zurück, speziell zu den ursprünglichen Klängen seines Heimatlandes Benin. Der Albumtitel Heritage trägt denn auch einen deutlichen
Bezug zu seiner persönlichen Odyssee. “Für mich hat Heritage eine doppelte Bedeutung”, erklärt Loueke. “Zum einen geht es hier um meine Vorfahren aus Afrika, deren Erbe meine Musik ebenso durchdringt wie meinen Körper, meine Seele und eigentlich alles, was ich tue. Aber ich trage auch das Erbe des Okzidents in mir, das Erbe des Westens, Europas und der USA. Ich spreche englisch und französisch, was ebenfalls zu meinem Erbe gehört. Ich habe mein Album Heritage genannt, weil ich mit Gaben aus den verschiedensten Ecken der Welt
gesegnet bin und in den meisten Songs spiegelt sich das auch wider.”


Neben seiner Rolle als Co-Produzent zeichnet sich Robert Glasper, der hier am Piano und am Fender Rhodes zu hören ist, auch als Komponist aus und hat zwei eigene Kompositionen zu dem Album beigesteuert, "Tribal Dance" und "Bayyinah" (außerdem hat er gemeinsam mit Loueke das Stück "Hope" komponiert). "Robert ist ein wahres Genie”, schwärmt der Gitarrist. “Ich wusste gleich, dass er genau der Richtige ist. Ich mag Musiker, die mich kontinuierlich überraschen können. Wir sind sehr gute Freunde und beide für alles offen, was die beste Voraussetzung für etwas Magisches ist.” Loueke seinerseits war schon als Gastmusiker beim Robert Glasper Trio dabei – und gehörte sogar bei der Feuertaufe der Formation Robert Glasper Experiment zur Originalbesetzung.


Derrick Hodge ist ebenfalls eine Schlüsselfigur beim Robert Glasper Experiment. Gemeinsam mit Loueke gehörte er bereits vor einigen Jahren zu Terence Blanchards Band. Heritage markiert jedoch das erste Aufeinandertreffen zwischen Mark Guiliana und dem erfahrenen Glasper-Hodge-Team. "Ich habe in Italien bereits mit Mark gearbeitet, als ich mit Jason Lindner aufgetreten bin, und das hat mich schlichtweg umgehauen. Ich habe das Glück, schon mit einigen der besten Schlagzeuger überhaupt gearbeitet zu haben, aber dieser Typ ist noch einmal eine andere Liga. Sehr präzise und zugleich ungemein musikalisch."


Heritage beginnt mit den faszinierend harmonischen Yoruba-Gesängen von "Ifê" (”Liebe”). Die verhalten perkussiven Gitarrenklänge des Openers und die elektronischen Effekte, die das ganze Album durchziehen, spiegeln das große Interesse wider, das Loueke für fortgeschrittene Klangtechnologien und unorthodoxe Herangehensweisen hegt, auch wenn sein Hauptaugenmerk stets auf einem weitestgehend akustischen Sound liegt.
"Ouidah", ein Stück mit einem entspannt lyrischen Flow, soll an “das Dorf meiner Mutter, in dem sie geboren ist” erinnern, merkt Loueke an. "Ouidah war das Zentrum des Sklavenhandels in Benin, von wo man die Sklaven verschiffte.” Loueke singt die Melodie mit einer ihm eigenen fragilen Schönheit. "Die Stimme ist zweifellos ein Teil meines Klanguniversums. Von Anfang an wollte ich jede Note, die ich spielte, auch singen können. Aber im Vergleich zu meinen anderen Alben hört man hier meine Stimme nie während der Soli. Ich habe mich dafür
entschieden, die Gitarre ganz für sich selbst sprechen zu lassen.”

 

Gretchen Parlato, eine Sängerin, die gemeinsam mit Loueke am renommierten Thelonious Monk Institute of Jazz studierte, veredelt die beiden Stücke "Tribal Dance" und "Hope." Ersteres besteht "von Anfang bis Ende vornehmlich aus einem melodischen Gesang”, erklärt Loueke, "wie Wayne Shorters 'Nefertiti', bei dem einen die Melodie förmlich in Trance versetzt.” Letztgenanntes basiert in erster Linie auf Louekes Ideen. ”Wenn man jedoch am Ende genau hinhört, nimmt man eine Improvisation wahr, die von Robert stammt. Die kam ganz wie von selbst
und wir stiegen alle darauf ein.” Der Songtext, von Loueke locker aus der Sprache seiner afrikanischen Heimat ins Englische übertragen, enthält folgende Zeilen: "Nobody stays in the dark forever. Courage, you need courage, don't
give up, it's all going to be fine, and your light will shine."


Loueke ist besonders im Trio ganz in seinem Element und läuft dort zur Höchstform auf: Gilfema, sein Trio mit dem Bassisten Massimo Biolcati und dem Schlagzeuger Ferenc Nemeth, bestimmte das Geschehen auf seinen bisherigen Blue-Note-Alben. Auch Heritage enthält vier Stücke in Dreierbesetzung, darunter der Opener "Ifê" mit
dem deutlich anders konnotierten Hodge-Guiliana-Line-up. "Freedom Dance" ist noch lockerer gespielt, "eher groovy und unbeschwert, was sich im Studio nach meiner Fasson so entwickelt hat”, bemerkt Loueke. "Farafina" oder “Land der dunklen Häute” ist von tiefer Komplexität, “fast wie ein Tanz eines Betrunkenen. Ein verrücktes Stück. Ich singe die Melodie und benutze eines meiner liebsten neuen Effektgeräte, einen sogenannten Pitch Bender. Man hört das besonders am Ende ganz gut, wenn ich zusammen mit Derrick den Basslauf der Coda
spiele.

"Goree", ein Pendant zu "Ouidah" ist nach der gleichnamigen, in der Nähe von Dakar im Senegal gelegenen Insel benannt, wo es ebenfalls einen großen Hafen für den Sklavenhandel gab. Derrick spielte einen Basslauf und dann haben wir gesagt, 'Ok, genau da geht's lang'. Mein einziger Gedanke war, lass die Jungs einfach spielen.”
"African Ship" hat ebenfalls einen Bezug zum Phänomen der Sklaverei, wenngleich aus einer anderen Perspektive:
“Gemeint ist das Schiff, das von den USA oder Europa zurück nach Afrika fuhr, und zwar mit jeder Menge glücklicher Menschen darauf. Die Sklaverei – das ist auch jener Aspekt, auf den ich mit Heritage abziele – ließ die Menschen mit einem ganz veränderten Wissen nach Afrika zurückkehren. In Afrika haben wir einen ganz anderen Blick auf den Okzident, wir haben viel von ihm gelernt.” Der geisterhaft verwehte Klang des Pianos war ein Vorschlag von Glasper und “macht bei diesem Song auch total Sinn”, so Loueke. “Der Klang kommt von weit her und kommt wieder zurück. Dabei hatte ich Robert die Bedeutung des Songtitels überhaupt nicht erklärt!”


"Chardon" ist französisch und bedeutet Distel. “Warum ausgerechnet eine Distel? Weil es einfach eine der schönsten Pflanzen ist, aber auch eine der gefährlichsten. So ist diese Komposition durchaus mit dem Leben selbst vergleichbar – ich wollte sogar schon das ganze Album 'Life' nennen. Das Leben ist wunderschön, aber wir sind auch leicht verletzbar. So muss man ganz genau darauf achten, welche Schritte man macht, wenn man sich bewegt oder irgendwelche Entscheidungen trifft.” Glaspers Komposition "Bayyinah," geschrieben für einen Verstorbenen aus seiner Familie, berührt ebenfalls das Thema Schmerz im Leben, lässt das Album aber in bester Stimmung ausklingen. Wie auch an anderen Stellen, spielt Glasper hier gleichzeitig Piano und Fender Rhodes. “In diesen Momenten ist er ganz bei sich”, weiß Lionel Loueke. “Dafür liebe ich ihn ganz besonders.”


LIONEL LOUEKE – Heritage
(VÖ-Termin: 24.08.2012)

 

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