01.07.2012 16:35 Montreux Jazz Festival June 29 - July 14, 2012

Interview mit Starfotograf Greg Gorman, der das Plakat des 46. Montreux Jazz Festival gestaltet hat

Montreux Jazz Festival Foundation © Artwork Greg Gorman

Von: Montreux Jazz Festival

1967 warb eine Schwarzweiss-Fotografie des Italieners Giuseppe Pino für die erste Ausgabe des Montreux Jazz Festival. Nach über vierzig Jahren erhält nun erneut ein Fotograf eine Carte Blanche für die Gestaltung des Plakats. Der Amerikaner Greg Gorman, geboren 1949 in Kansas City, inszeniert für die 46. Festivalausgabe einen skulptural anmutenden männlichen Akt.

Im Mittelpunkt stehe die kontemplative Erfahrung des Musikhörens, so Gorman. Sein Werk fügt sich nahtlos in eine lange Tradition US-amerikanischer Fotografen ein. Von George Platt Lynes, über Herb Ritts, Robert Mapplethorpe bis Bruce Weber – die klassisch inspirierte, streng komponierte Ästhetik verleiht den Porträtierten, unter anderen namhaften Musikern oder Schauspielern, eine zeitlose Aura.

Gormans Fotografie dokumentiert die für das 20. Jahrhundert charakteristische Fixierung auf berühmte Persönlichkeiten, ohne sich aber auf „has beens, angesagte Starlets oder Möchtegern-Prominente“ reduzieren zu lassen.

Greg Gorman veröffentlichte neun Bücher und realisierte hunderte hochkarätige Film- und Werbekampagnen. Ende 2011 widmete sich seine jüngste Ausstellung in Graz, Österreich, seinen verschiedenen Schaffensperioden und präsentierte über 220 Werke.

Im Laufe seiner über 40jährigen Karriere porträtierte er unzählige Musiker, unter anderen Michael Jackson, Barbra Streisand, Frank Zappa, Grace Jones, Elton John, George Clinton, Boy George, Tom Waits, Billy Idol, Leon Russell, Nina Hagen, Fleetwood Mac, Morrissey, Iggy Pop, Vanilla Ice, P. Diddy, RuPaul, Divine, Bette Midler, John Lee Hooker, David Bowie and Quincy Jones, Joan Jett, John Mayer, Melissa Etheridge, Debbie Harry, Crosby, Stills and Nash und Joe Cocker.


Interview Greg Gorman

„Ich mag dieses völlig unerwartete Moment des männlichen Akts“

Ihre fotografische Berufung entdeckten Sie dank der Musik.


In der Tat, als waschechter Hippie lieh ich mir 1968 eine Fotokamera aus, um Jimi Hendrix in Konzert zu fotografieren. Als ich am nächsten Morgen den Film in der Dunkelkammer eines Freundes entwickelte und die Bilder allmählich auf dem Fotopapier erschienen, war es um mich geschehen. Wenige Wochen später war die Kamera erneut am Konzert eines anderen Idols im Einsatz, Jim Morrison.

Sie porträtierten unzählige Musiker. Unterscheiden sich die Shootings je nach Musikstil?


Es gibt Unterschiede, aber in der Regel möchten alle gut aussehen. Interessanterweise zählen zu den Eitelsten in der Musikerzunft die Rocker. HipHop Künstler hingegen zu den Unberechenbarsten, manchmal verbringen sie mehr Zeit am Mobiltelefon als vor meiner Linse. Ganz im Gegensatz zu den Jazzmusikern, die ich häufig als grosszügig, konzentriert und sehr herzlich empfunden habe.

Welche Shootings bleiben besonders in Erinnerung?


Eindeutig jene mit Frank Zappa und David Bowie. Frank Zappa war ein brillanter, einschüchternd intelligenter Künstler, stets aber auch sehr bescheiden und bodenständig. Die Shootings mit David machten riesigen Spass. Von Anfang an zählte er zu meinen persönlichen Helden, niemals liess er mich im Stich. In jedes Shooting steckten wir in starker Teamarbeit viel Kreativität und Mühe.

Nach zahlreichen Filmplakaten gestalten sie erstmals das Plakat eines Musikfestivals.


Ich traf Mathieu Jaton und Claude Nobs an den Art Masters in St. Moritz. Wir haben uns angeregt unterhalten und Claude schlug mir vor, das kommende Festivalplakat zu realisieren. Ich, ein grosser Fan des Festivals, war sofort Feuer und Flamme. Das Festivalposter aus dem Jahre 1969, ein weiblicher Akt mit Trompete von Eric Wondergem, fiel mir gleich auf, da es der einzige Akt in der gesamten Posterkollektion war.

Da ich häufig Aktfotografie von Frauen und Männern realisiert hatte, dachte ich mir: Wieso nicht ein männlicher Akt? Ich wusste, dass es wegen der feinen Interpretationslinie eine herausfordernde Idee sein würde. Die Nacktheit kann faszinierend, für gewisse Betrachter aber auch unbehaglich wirken. In meinen Augen kann Musik eine ähnliche Wirkung haben, dies schien mir ein interessanter Ansatzpunkt. Besonders mag ich dieses völlig unerwartete Moment des männlichen Akts. Musik kann überraschen, beunruhigen und manchmal sogar verwirren.

Ein Akt ebenso, ein männlicher Akt wirkt manchmal sogar stärker als ein weiblicher, da es oft immer noch als Tabu gesehen wird. Hoffentlich wird dieses Poster auf eine positive Weise dieses Stigma brechen. Es strahlt eine klassische Anmut aus und verbindet eine ausdrucksstarke Form mit einer feinen, fast schon zerbrechlichen Kontrastgebung. Dies kann in Verbindung gesetzt werden mit der aussergewöhnlichen Kunst des Musikhörens.

Bitte erläutern Sie uns mehr über die Verbindung zwischen Musik und Akt.


Die Pose des Models soll Bewegung andeuten, indem sich sein Kopf dreht, so als ob er etwas hört und inne hält. Es ist vielleicht eine Stimme, ein Geräusch oder Musik. Die Sanddüne im Hintergrund spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Diese Weite, Leere und Konzentration stehen für die Kontemplation, eine zentrale Erfahrung des Musikhörens. Zudem bietet der offene Hintergrund buchstäblich Interpretationsraum für den Betrachter. Das Model befindet sich in einer reduzierten und offenen Umgebung.

In 46 Jahren Plakatgeschichte kommt die Fotografie erst zum zweiten Mal zum Zug.
Die bildende Kunst ist im Vergleich zur Fotografie weniger konfrontativ. Dass mir die Freiheit gewährt wurde, einen Akt zu präsentieren, scheint mir ein mutiger Entscheid. Nacktheit in der Fotografie wirkt real und sehr direkt. Nach so vielen Jahren wieder einem Fotografen eine Carte Blanche anzubieten, spricht für den Willen des Festivals, Neues auszuprobieren, Risiken einzugehen und zu überraschen.

Wie entstand das Bild?


Ich veranstalte viermal jährlich Fotografie-Workshops bei mir zuhause in Mendocino, Kalifornien. So traf ich erstmals das Model Jordan David Miles, ein 21jähriger Skateboarder und Graffitikünstler aus Kalifornien. Mit ihm realisierte ich bereits ein ähnliches Shooting, hier entstand die Ausgangsidee. Beim ersten Shooting für das Festivalplakat geriet ich aber in eine grosse Diskussion mit Jordan, der meine Vision nicht teilte, wir mussten alles abbrechen.

Ich schätze ein kritisches Feedback der Models sehr und ich nahm mir Jordans Anliegen sehr zu Herzen. Beim zweiten Shooting erwischten wir ein mattes Licht, die Posen stimmten, die Lichtkontraste aber nicht. So brauchten wir schliesslich ein drittes Shooting. Dank der vorgängigen Shootings wussten wir genau, welche Umgebung, welcher Winkel, welche Pose wir benötigten, um ein besseres Resultat zu erhalten. Diesmal hatten wir das Bild in knapp zehn Minuten.

Annouk Dietschi

Presse - Assistante

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46th Montreux Jazz Festival : June 29 - July 14, 2012