23.04.2014 08:50 Von Regisseur Jan Schomburg

"Vergiss mein Ich" - Ungewöhnliches Drama um eine Frau, die an Amnesie leidet und so ihr Leben neu entdeckt

Film Vergiss mein Ich Maria Schrader vor Spiegel mit Buch

Intensives Drama um eine Frau, die an Amnesie leidet und das Leben, ihr Leben mit der Hilfe ihres Mannes neu entdeckt. © RealFiction

Film Vergiss mein Ich Maria Schrader und Johannes KirschFilm Vergiss mein Ich Maria Schrader unter Tisch
Von: kino.de

In Jan Schomburgs intensivem Drama erfindet eine von Maria Schrader mutig gespielte Akademikerin, die an Amnesie leidet, sich und ihr Leben neu. "Ich will doch einfach nur ich sein", sagt Lena in einer späten Szene dieses ungewöhnlichen Dramas und bringt damit auf den Punkt worum es geht. Die Heldin, eindringlich gespielt von Maria Schrader, hat ihr biographisches Gedächtnis verloren. Auf Grund einer nicht bzw. zu spät diagnostizierte Enzephalitis wird sie mit "retrograder Amnesie" diagnostiziert, das heißt, dass die erfolgreiche Akademikerin niemanden mehr erkennt - weder sich, ihren Mann noch ihre Freunde. Sie ist zwar noch der Sprache mächtig, beherrscht weiterhin mechanische Abläufe wie das Autofahren, versteht aber die Bedeutung von Worten wie Liebe oder Wut nicht mehr.

Vom schwierigen Prozess zurück in die "Normalität" zu finden, erzählt Jan Schomburg in "Vergiss mein ich" und variiert - wie schon in seinem preisgekrönten Kinoerstling "Über uns das All" - das Thema der Suche nach der wahren Identität. Direkt, unvermittelt steigt er in die Handlung ein, die subjektive Kamera übernimmt Lenas Blickwinkel. Auf verschwommene Gesichter schaut sie, auf erschrockene Menschen, die sie nicht (mehr) (er)kennt und die auf sie einreden. Vollkommen desorientiert ist sie, zunächst im Krankenhaus, dann in den eigenen vier Wänden. Für Lena beginnt die "Neu(er)findung", fürsorglich unterstützt wird sie dabei von ihrem Gatten Tore (Johannes Kirsch). Aber will sie überhaupt wieder in ihre alte Biographie einsteigen?

Um das "Ich", das Wesen des "Ichs", kreist die philosophische, nie didaktische, immer wieder humorvoll gebrochene Arbeit, die untersucht wie selbstbestimmt der Mensch wirklich ist. Wo verläuft die Grenze zwischen "authentisch sein" und "sich darstellen" - wie sehr passt man sich Erwartungshaltungen an? Tagebücher und alte Filmaufnahmen Lenas stehen fürs Gestern, im Heute lässt sie sich durch Köln treiben, erforscht die Welt neu. Ihre Sexualität keimt auf - ursprünglich und kindlich naiv -, mit einem Mann (Roland Zehrfeld), den sie in einer Kirche kennenlernt, landet sie im Bett, beim Abendessen im Freundeskreis, erzählt sie von der Affäre, die ihre beste Freundin mit ihrem Mann unterhielt. So etwas gehört sich doch nicht - oder?

Als spannende, scharfsinnige "Therapiesitzung" kann man diesen handwerklich sauberen, gradlinig gestalteten Film lesen, der die Beziehung von Körper und Geist, zwischen "Außen" und "Innen" erforscht. Der Fokus liegt ganz auf Maria Schrader, die sich ihrer Rolle mutig - und durchaus explizit - preisgibt. Ihr und ihrer Figur folgt man gerne, Bedingung ist nur, dass man sich auf diese kluge Reflexion einlässt. geh.

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