17.01.2016 07:56 er prägte die französische filmszene

François Truffaut - Die Schule des Leben: Filmreihe im Stadtmuseum München

Filmreihe ueber François Truffaut - Die Schule des Leben

François Truffaut bei Dreharbeiten zu "La nuit américaine" (Die amerikanische Nacht) Quelle: Stadtmuseum München

Von: GFDK - Stadtmuseum München

Der Schluss seines Debütfilms bereitete ihm Kopfzerbrechen. In welches Schicksal sollte er den kleinen Antoine Doinel entlassen, nachdem er aus dem Erziehungsheim geflohen war? Ein optimistisches Ende wäre unehrlich gewesen, aber ein niederschmetterndes hätte ebenso wenig gestimmt.

François Truffaut (1932–1984) entschied, dass er keine Drehbuch-, sondern eine plastische, filmische Lösung finden musste. So läuft Jean-Pierre Léaud nun in der letzten Einstellung von SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN erwartungsvoll aufs Meer zu, bis das Bild einfriert und der Gesichtsausdruck des Jungen das Publikum mit ebenso viel Zweifel wie Zuversicht zurücklässt.

Das Drehbuch, in dem François Truffaut von den Verletzungen erzählt, die ihm selbst in seiner Kindheit zugefügt wurden, endete noch ganz anders: mit einem Blick auf Antoine und seinen Freund René, die durch die Straßen von Paris schlendern; eine Erzählstimme aus dem Off schilderte ihren weiteren Lebensweg.

Um jene allzu gefällige Poesie zu vermeiden, mit der Kinder im Kino sonst gezeigt werden, hatte François Truffaut das Buch humorvoll angelegt. Bei den Dreharbeiten schlichen sich dann Ernst und Gravität ein – sein väterlicher Mentor, der Kritiker André Bazin, war in der Nacht des ersten Drehtages gestorben –; er gab sich alle Mühe, seinem jungen Hauptdarsteller das Lächeln auszutreiben.

François Truffaut war ein großzügig Liebender

Als François Truffauts Film 1959 in Cannes Premiere hatte, besiegelte er den Siegeszug der Nouvelle Vague. Eine ausgelassene, unkonventionelle und zitierfreudige Art des Filmemachens brach sich Bahn. Wie die meisten Regisseure der Bewegung posierte er auf Fotos gern mit der Kamera, hatte tatsächlich aber ein eher platonisches Verhältnis zur Technik: ein stolzer Autodidakt, der überzeugt war, als aufmerksamer Zuschauer mehr gelernt zu haben, als er es auf dem damals traditionellen Weg über die Regieassistenz getan hätte.

François Truffaut hatte als ehrgeiziger, enthusiastischer und polemischer Filmkritiker begonnen, der in seinen Rezensionen für die Cahiers du cinéma, Arts und andere Publikationen insgeheim schon die Filme vorausahnte, die er gern selber drehen wollte.

Eine Retrospektive seines Werks wäre nicht vollständig ohne einen Blick in das filmische Universum seiner Idole Jacques Becker, Alfred Hitchcock, Ernst Lubitsch, Max Ophüls, Jean Renoir, Roberto Rossellini und Jean Vigo. Seine Liebe zum Kino war nicht dogmatisch: Claude Sautet, der von seinen Nachfolgern in der Cahiers-Redaktion sträflich unterschätzt wurde, pries er als den französischsten aller Regisseure.

Filmreihe über François Truffaut

François Truffaut wurde der erfolgreichste unter den Protagonisten der Nouvelle Vague. Seine persönlichen, intimen Filme sind die zugänglichsten und lebendigsten der Bewegung. Er ist vielleicht der einzige Regisseur, dessen Filme schon einem Kind einen Eindruck davon vermitteln, was Autorenschaft im Kino ist. Seine Erzählhaltung, die Charaktere niemals mit Herablassung zu zeichnen, brachte ihm Bewunderer und Nachahmer in aller Welt ein.

Seine Lust am Stilbruch prägte das New Hollywood nachhaltig; sein Einfluss zeigt sich im Werk von Arthur Penn und Paul Mazursky. So unterschiedliche Regisseure wie Leos Carax, Arnaud Desplechin, Cédric Klapisch und Tsai Ming-liang beziehen sich auf ihn. Quentin Tarantino zitiert ihn in KILL BILL. Und noch in Noah Baumbachs FRANCES HA zeigen sich Spuren seines Stils und seiner Themen.

Jetzt läuft im Stadtmuseum München eine Filmreihe über François Truffaut.

7. Januar bis 28. Februar 2016