08.07.2014 08:56 Im Banne fremder Götzen

Buch: Tiki-Pop, eine Verwilderungsfantasie des amerikanischen Mittelstandes

Tiki Pop. America imagines its own Polynesian Paradise

Dieses Buch nun widmet sich dem kulturgeschichtlichen Hintergrund dieser speziellen Form der Südseebegeisterung © Sven Kirsten/TASCHEN

Geschichte des Popkulturphänomens Tiki
Von: GFDK - Taschen Verlag

Gegen Mitte des 20. Jahrhunderts wurden die US-Amerikaner von einer Welle der Südseebegeisterung erfasst. Das unter dem Namen „Tiki-Kultur“ bekannte Phänomen griff auf alle Lebensbereiche über: die Mode, die Ess- und Trinkgewohnheiten, die Wohnkultur, die Pop-Musik und selbst die Architektur.

Zu hawaiianischen Klängen und dem Plätschern eines künstlichen Wasserfalls in einem Tiki-Restaurant exotische Cocktails zu schlürfen galt als Inbegriff des guten Lebens und war eine sozialverträgliche kleine Flucht vor dem Konformitätsdruck Suburbias und einer biederen Leistungsgesellschaft mit Krawattenzwang. Doch das Glück unter Palmen währte nicht sehr lange.

Flowerpower in der Südsee

Schon zu Zeiten der Flowerpower-Bewegung galt diese Art des Eskapismus als anrüchig, und aus dem harmlosen Liebäugeln mit der Verwilderung wurde ein Kainsmal des Spießertums. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts waren fast alle Spuren dieser einst blühenden Tikikultur getilgt und dämmerten in Trödelläden, Garagen, auf Dachböden und in verriegelten alten Restaurants ihrem endgültigen Vergessen entgegen. Stadtarchäologen wie Sven Kirsten ist es zu verdanken, dass sie wiederentdeckt und über ein subkulturelles Tiki-Revival einem breiteren Publikum bekannt wurden. Seine beiden bei TASCHEN erschienenen Bände The Book of Tiki und Tiki Modern sind unverzichtbare Referenzwerke für Sammler wie Fans.

Kulturgeschichte der Südsee

Dieses Buch nun widmet sich dem kulturgeschichtlichen Hintergrund dieser speziellen Form der Südseebegeisterung, von den frühesten Anfängen mit der „Entdeckung“ der Südseeinseln durch James Cook in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts über Herman Melvilles Südseeabenteuergeschichten wie Moby Dick und Gauguins überbordende Exotikgemälde bis hin zu den Dschungelfantasien aus der Traumfabrik Hollywood. Mit Tiki Pop, das in Zusammenhang mit einer Ausstellung im renommierten Musée du quai Branly (24.06.–28.09.2014) in Paris erscheint, schließt Sven Kirsten nun seine Forschung zur Tiki-Kultur ab und und zeichnet anhand Hunderter bisher unveröffentlichter Bilder noch einmal die Geschichte des Popkulturphänomens Tiki nach, von seinen frühesten Wurzeln bis zu seiner spektakulären Blüte und seinem schließlichen Niedergang.


c.waiblinger@taschen.com