06.09.2012 07:39 eine familiengeschichte

Buch: Sofi Oksanen »Stalins Kühe«. Ein furioser Roman über ein in der Literatur nicht beachtetes Thema

(c) Kiepenheuer & Witsch

Von: Kiepenheuer & Witsch


Anna hat alles im Griff. Sie dient einer "Herrin", der Bulimie, denn es gibt nichts Wichtigeres für sie, als einen vollkommenen Körper zu besitzen und unangreifbar zu sein.Annas Eltern trennen sich, als ihre Mutter Katariina herausfindet, dass ihr Mann sie betrügt. Sie, die Estin, verleugnet ihre Herkunft, weil sie weiß, welch schlechtes Ansehen Estinnen in Finnland haben sie gelten als russische Huren, die es geschafft haben, durch Heirat nach Finnland zu entkommen. Aus Angst, dass ihrer Tochter die gleiche Verachtung zuteil wird wie ihr, darf diese die Sprache nicht lernen und keinem sagen, woher die Mutter stammt. Dabei fahren die beiden regelmäßig nach Estland, um die Familie zu unterstützen, die das Grauen der sowjetischen Arbeitslager kennenlernte und unter den Bespitzelungen und Erpressungen durch enge Vertraute litt. Während Anna um ihr Gewicht kämpft und lernen muss, dass sie wirklich krank ist und die anorektische Bulimie sie umbringen kann, erfährt der Leser die Hintergründe der Familiengeschichte, Ursache für Annas Leiden, die bis in die Zeit der Besetzung Estlands nach dem Zweiten Weltkrieg zurückreicht. In brillanter Sprache, mit genauer Kenntnis der historischen Hintergründe und einer meisterhaften Komposition beweist Sofi Oksanen erneut, warum ihre Romane weltweit gefeiert werden.

 

Sofi Oksanen, geb. 1977, Tochter einer estnischen Mutter und eines finnischen Vaters, studierte Dramaturgie an der Theaterakademie von Helsinki. Sofi Oksanen ist verheiratet und lebt in Helsinki.Angela Plöger hat in Berlin, Budapest, Helsinki und Hamburg Finno-Ugristik und Slawistik studiert. Sie lebt als freiberufliche Übersetzerin vor allem finnischer Literatur und Dramatik in Hamburg.

Pressestimmen

»Traurig, was Sofi Oksanen berichtet, aber das Buch ist es ganz und gar nicht. Denn Oksanen erzählt mit Schwung und Eleganz, sie zeigt das Komische im Bizarren, und an den tragischen Stellen wird sie hart, pointiert. Der Roman ist soziologisch, historisch und literarisch von Wert, seine Protagonistin trotz der schrägen Erscheinung eine sympathische Figur.«, Aargauer Zeitung, 21.08.2012

 

Kiepenheuer & Witsch 16. August 2012