11.08.2011 07:57 Thema "50 Jahre Mauerbau"

Buch: "LeseBlüten Über Grenzen 2011" erzählt ergreifende DDR-/BRD-Kurzgeschichten

©piepmatz Verlag

Von: piepmatz Verlag

 

50 Jahre ist es nun her, da trennte plötzlich eine Mauer in Deutschland Familien und Freunde voneinander. In dieser Kurzgeschichtensammlung erzählen die Autoren von der Zeit während und nach dem Mauerbau – aus Ost- und Westsicht – positiv wie negativ – selbst erlebt oder frei erfunden.Ein Besuch bei der Tante in der DDR aus Sicht eines Kindes, ein Weststaubsauger, der erst mit der Ostbürste richtig gut saugt, zuckersüße Liebeserinnerungen an Sascha, eine schmerzhafte Trennung bester Freundinnen, ein eingemauerter Brief an die Liebsten auf der anderen Seite der Mauer …Ein Buch nicht nur für Zeitzeugen und Historiker!Diese Sammlung umfasst 11 Kurzgeschichten von 11 Autoren aus ganz Deutschland.Folgende Autoren sind in der »Über Grenzen« enthalten:Lorenz-Peter Andresen, Ute Gudat, Manuela Inusa, Sinje Blumenstein, Tina Birgitta Lauffer, Christina Mettge, Rainer Pick, Nicole Schröter, Ernst-Michael Schwarz, Sabine Weinspach, Sandra Vogel

LESEPROBE:

Nicole Schröter - Die Decke

Papa holte mich von der Schule ab. Das tat er fast nie. Aber heute war ein besonderer Tag. Heute fuhren wir zu Tante Johanna. Bis letzte Woche hatte ich gar nicht gewusst, dass es eine Tante Johanna gab. Ich hatte auch nicht gewusst, dass es noch ein Stück deutsches Land gab, wo man aber nicht so einfach hin konnte. Die Deutschen, die dort lebten, waren mal eingesperrt worden, vor langer Zeit. Man hatte eine hohe Mauer gebaut, damit sie nicht weglaufen konnten. Davor hatte man zur Sicherheit noch einen Streifen, mit kleinen Bomben unter der Erde, geschaffen. So jedenfalls hatte ich es verstanden.Ich sah unseren metallic-grünen Audi 80 schon von Weitem. Mama saß auf dem Beifahrersitz. Sie sah irgendwie angespannt aus. Nicht so, wie wenn wir in den Sommerurlaub fuhren.

Gestern Abend hatten wir noch bis spät komische Sachen gemacht: Während Papa schwitzend in seiner Schallplattensammlung herumsortierte, hatte Mama erst ihren und dann meinen Schrank durchgesehen. Alles, von dem sie nicht sicher war, ob es mir noch passte, musste anprobiert werden. Das hatten wir ewig nicht getan. So kam am Ende ein großer Karton mit Sachen dabei heraus, den Papa noch fluchend versuchte, im Auto verstaut zu kriegen. Es hatte nicht geklappt und so stand er jetzt hinter Mamas Sitz auf der Rückbank. Ich würde also mit einem Wäschekarton neben mir reisen müssen. Na toll! Und ich würde mich auch nicht zum Schlafen auf die Rückbank legen können.

Als ich einstieg, sagte nur Papa: »Hallo!«Mama fragte stattdessen ohne Umschweife nach meinem Portemonnaie.»Wozu?«, fragte ich.»Ich muss es zählen«, antwortete Mama. Sie drehte sich halb zu mir nach hinten um und fuchtelte mit einem grauen Zettel vor meiner Nase herum.»Was ist das? Sieht aus wie das Klopapier, das wir in der Schule haben«, stellte ich fest. »Hier muss man jeden Pfennig West-Geld eintragen, den man mit in die Ostzone einführt.«»Ostzone darf man nicht sagen!«, wies Papa sie zurecht.Ostzone? West-Geld? Ich verstand gar nichts mehr. Bis jetzt hatte unser Geld immer D-Mark geheißen.

Inzwischen hatten wir die Autobahn erreicht und Papa erklärte mir, dass Deutschland aus zwei Teilen bestehe: Westdeutschland – das war, wo wir wohnten. Und Ostdeutschland – das war, wo Tante Johanna wohnte.»Aha!«, sagte ich gelangweilt und verstand immer noch nichts. Ich wühlte in meinem Schulranzen, den ich aus Platzmangel zwischen meinen Füßen hatte parken müssen. Dann setzte ich die Kopfhörer meines nagelneuen Sony-Walkmans auf und drückte auf die Play-Taste, die sofort wieder hochsprang. Ich drückte auf Eject und drehte die Kassette um. »Den müssen wir aber unbedingt auch vermerken«, befand Mama. »Nicht, dass die den am Ende noch dabehalten wollen.«Und schon notierte sie etwas auf einem der anderen grauen Zettel, die auf ihrem Schoß und im Fußraum verstreut lagen. Ich lehnte mich zurück, stellte die Musik lauter und schaute aus dem Fenster. Irgendwann musste ich eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, war die Musik aus. Das laute Klickgeräusch, als sich der Walkman am Ende der Abspielzeit ausschaltete, musste mich geweckt haben. Denn sonst war alles wie vorher: draußen immer wieder Kühe auf Weiden. Drinnen Mama, die in einer Zeitschrift blätterte. Papa, der das Lenkrad hielt und seine gelben Lieblings-Wrigleys kaute.

Irgendwann fuhr Papa von der Autobahn ab. Die Landschaft war hügeliger geworden. Und als wir nun durch eine kleine Stadt kamen, fand ich die Häuser ziemlich altmodisch. Sie waren gelblich, manche rotbraun, durchzogen von dicken Holzbalken. Andere Häuser wiederum waren nur schlicht und alt und grau. Dann ging es wieder heraus aus der Stadt, und wieder glotzten mich Kühe an. Kurz darauf aber richtete sich Papa im Sitz auf.»Na endlich!«, stöhnte er und verlagerte sein Gewicht von einer Pobacke auf die andere und wieder zurück. Mama blickte von ihrer Zeitschrift auf, und auch ich reckte den Hals. Weit und breit sah ich nur grüne Wiesen. Papa zeigte mit dem Finger nach vorn. Da sah ich es auch in der Ferne: flache weiße Klötze mit Fenstern darin. Ein bisschen erinnerten sie mich an Baucontainer. Links und rechts davon je ein hoher Zaun, im oberen Teil mit Maschendraht versehen. Auf der anderen Seite des Zaunes ein brauner Streifen Erde. Da seien die Mienen drin vergraben, erklärte mir Mama.

Zwischen den flachen Häuschen eine Straße, versperrt durch eine Schranke. Davor ein streng drein blickender junger Mann in grauer Uniform.»Die Ausweise!«, sagte er in lautem Befehlston. Mama reichte sie Papa. Papa reichte sie dem Uniformierten. Der blickte erst streng in die Ausweise, dann leicht gebückt in unser Auto.»Führen Sie D-Mark-Beträge mit sich?«Mama tauchte ab, suchte eilig die grauen Zettel zusammen, die im Fußraum verstreut lagen, und reichte sie Papa, der sie umgehend an den unfreundlichen Mann weiterreichte. So unterwürfig kannte ich Papa gar nicht. Noch ein strenger Blick, dann wurden uns die Papiere wieder hineingereicht.»Die Zeitschrift da dürfen Sie aber nicht mitnehmen!«, ermahnte der Beamte Mama und streckte auch gleich die Hand danach aus. Dann ging er strammen Schrittes zur Schranke, öffnete sie von Hand und winkte uns durch.»Na also!«, dachte ich. »War doch gar nicht so schlimm.«Ich lehnte mich entspannt zurück, als wir abermals anhielten: ein weiterer Flachbau, ein weiterer Mann in Uniform.»Wie lange bleiben Sie?«, wollte er wissen und sah uns böse an. Ich fragte mich, ob ich irgendwas verbrochen hätte.»Nur zwei Tage«, piepste Mama.»Zwei Tage à drei Personen, je 25 D-Mark, macht 150 D-Mark!«

Der Grenzbeamte hielt die Hand auf und Papa öffnete umgehend seine Geldbörse. Wir durften weiterfahren.»Wozu müssen wir soviel Geld bezahlen?«, wollte ich wissen.»Das ist hier so.«, sagte Mama. »Die brauchen unsere harte Westwährung.«»Aha!«Ich verstand gar nichts. Als Mama mir das neue Geld zeigte, das aus sehr leichten Geldstücken bestand, glaubte ich zu verstehen.»Mama? Gibt‘s hier eigentlich auch Toiletten? Ich muss total doll auf‘s Klo.«»Oh, nein!«, stöhnte Mama. »Nicht das auch noch. Du musst es anhalten. Man kann hier nicht auf Toilette gehen. Wir jedenfalls nicht.«, fügte sie leiser hinzu.»Aha!«Ich versuchte also an etwas anderes zu denken und sah wieder aus dem Fenster. Die Leute in dem Wagen vor uns mussten aussteigen. Einer der Grenzposten kam mit einer langen Eisenstange und bedeutete dem Fahrer, er möge den Tankdeckel entfernen. Sein Kollege kroch gerade rückwärts aus dem Innenraum des Wagens. Mit vor Anstrengung rotem Kopf hievte er die Rückbank (es war ein VW-Käfer, da geht das) ins Freie.Plötzlich grinste Papa – ich konnte das durch den Rückspiegel sehen – er nahm seinen alten Kaugummi und öffnete den kleinen Aschenbecher, der randvoll mit seinem Lieblingskaugummipapier gefüllt war.»So, den kleben wir jetzt mitten dazwischen«, sagte er. »Damit sie bei uns auch was Anständiges finden.«Mama verdrehte die Augen und ich lehnte mich so entspannt, wie man eben sein kann, wenn man ganz doll Pipi muss, zurück.

Zehn Minuten später klebte der Kaugummi an den Fingern eines der Grenzbeamten, der verzweifelt versuchte, die Kaugummireste loszuwerden. Kurz entschlossen ging er zu einem kleinen Grasstreifen, der neben einem dieser Bungalows wachsen durfte, und wischte mit seiner Hand darin herum.

[...]

 

Lesungstermin: 20. August 2011 im SPREElacART Berlin

 

ISBN: 978-3-942786-09-6Umfang: 64 Seiten, broschiert

Erscheinungstermin: 05.08.2011

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Über den Verlag:

Mit Büchern bin ich aufgewachsen. Von klein auf habe ich ein Buch nach dem anderen nur so verschlungen. Im Jahre 2000 gründeten meine Großeltern einen Buchverlag, bei dem ich jede Menge Erfahrungen in der Buchbranche sammeln konnte. Seit 2008 bin ich staatlich geprüfte Grafik-Designerin; meine andere Leidenschaft.Piepmatz Verlag und Design wurde im März 2010 von mir in Ulm gegründet und hat seit April 2010 seinen Hauptsitz in Rosenberg. Von dort aus arbeite ich mit professionellen Mitarbeitern wie freien Lektoren, Textsetzern und Fotografen zusammen.

Im Juni 2010 rief ich das kostenlose Lesungsportal werliestwannwo ins Leben, um das ich mich seitdem ausgiebig zusammen mit fleißigen Helfern ehrenamtlich kümmere.

 

piepmatz Verlag (5. August 2011)

 

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Frau Sandra Vogel
Rosenberg

 

 

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