18.09.2017 01:49 Flower Power

Zeit des zivilen Ungehorsams gescheitert - Summer of Love in München

Videosstills der Kuenstlerin Melanie Bonajo - Flower Power

MELANIE BONAJO, Night Soil – Economy of Love (2015) HD Video, colour, sound, 32’ 47” Courtesy the artist and AKINCI, Amsterdam

Von: GFDK - Kathrin Luz

Die Schwarz Foundation freut sich, ihre Ausstellung im Sommer 2017 anzukündigen, die den Titel Summer of Love trägt. Der Name der Ausstellung stammt von dem soziokulturellen Phänomen, das vor fünfzig Jahren im Sommer 1967 stattfand.

Obwohl das Jahr 1968 in Europa dank der Studentenproteste in Paris und des Prager Frühlings einen größeren legendären Status genießt, war das Jahr 1967 in Bezug auf geopolitische, kulturelle und intellektuelle Entwicklungen in vielerlei Hinsicht wegweisender.

Es war das Jahr des Sechs-Tage-Krieges, der die politische Landkarte des Nahen Ostens unwiderruflich veränderte; die Auswirkungen dieses Geschehens sind noch immer spürbar.

In Griechenland war es das Jahr, das den Beginn der sieben Jahre dauernden Militärdiktatur markierte. Ironischerweise was es auch das Jahr, in dem Großbritannien sich für die EEC-Mitgliedschaft bewarb. In den USA fanden 1967 auch die ersten großen Demonstrationen junger Menschen gegen den Vietnamkrieg statt. Zugleich war der Ausbruch neuer populärer und subkultureller Musik eines der bestimmenden Merkmale des „Summer of Love“.

Es war auch ein Jahr bedeutender intellektueller Produktion. Der kritische Theoretiker Guy Debord veröffentlichte Die Gesellschaft des Spektakels, während Raoul Vaneigem, belgischer Philosoph und wichtiges Mitglied der Situationistischen Internationale.

Die Revolution des alltäglichen Lebens herausbrachte. Während Debords Gesellschaft des Spektakels sich damit beschäftigte, wie die Mechanismen von Kapital und Konsum zu Entfremdung führen, postulierte Vaneigem in seinem Buch die Möglichkeit revolutionärer Veränderungen im alltäglichen Leben.

Er malte sich eine neue Gesellschaft aus, die „die Teilhabe aller an der Selbstverwirklichung aller anderen begünstigt“, basierend auf „Kreativität, Liebe und Spiel“. Im heutigen regressiven Klima der Angst und Xenophobie scheint Vaneigems These relevanter denn je.

Flower Power - Zeit des politischen Aktivismus

Summer of Love möchte sich über dieses geschichtsträchtige Jahr anlässlich seines fünfzigsten Jubiläums Gedanken machen, und dabei die Aufmerksamkeit auf eine Ära lenken, als die Konzepte der Politik und der Liebe eine echte Dringlichkeit besaßen. Der „Summer of Love“ war eine von vielen Äußerungen der Gegenkultur der 1960er und frühen 70er Jahre.

Es war eine Zeit des zivilen Ungehorsams, des Antiautoritarismus, des politischen Protests und des „Flower Power“. Politischer Aktivismus wurde in soziokulturellen Aktivismus und alternative Lebensstile (sexuelle Freiheit, Kommunen, geteilter Besitz) übersetzt.

Die meisten jungen Menschen dieser Zeit wuchsen in bescheidenen Nachkriegsverhältnissen auf und scherten sich nicht allzu sehr um Geld, Besitz oder finanziellen Erfolg. Junge Menschen waren politisiert. Es bestand Hoffnung auf eine neue und andere Welt, voller Liebe und gegenseitigem Verständnis, was im Rückblick idealistisch und naiv erscheinen mag.

Doch vielleicht sind Lehren daraus zu ziehen, wenn wir über diese Periode nachdenken und sie mit der stramm individualistischen, von mörderischem Wettbewerb geprägten Gegenwart vergleichen. Es ist kein Zufall, dass die meisten Menschen, die sich an diese Ära erinnern, häufig den naiven Idealismus von damals dem herzlosen Zynismus von heute vorziehen. 

Liaison zwischen Liebe und Politik

Die Ausstellung Summer of Love wird über die unwahrscheinliche Liaison zwischen Liebe und Politik reflektieren, und den Sommer von 1967 mit der Welt von 2017 verbinden, wo die Idee der Liebe – zumindest in intellektuellen, aber auch politischen Kreisen – als naiv und sentimental abgetan wird.

Die vielleicht interessantesten Ideen jüngster Zeit, die für ein anderes Verständnis von Liebe plädieren, stammen von dem Literaturtheoretiker und politischen Philosophen Michael Hardt (geb. 1960), der für eine politische Vorstellung von Liebe eintritt.4 Hardt argumentiert, dass Liebe über die Grenzen des Paares (und die psychoanalytischen Grenzen der Paarung) hinaus ausgedehnt werden muss, als eine Kraft, die auch zu der Konstitution der Gemeinschaft beiträgt.

Er schreibt der Liebe die „kollektive Transformation“ zu, die man bei bestimmten Arten der politischen Aktion erfährt. Hardt vertritt eine Form der Liebe, die nicht einer Liebe entstammt, welche auf der Identifikation mit jemandem oder etwas basiert, das genauso ist wie du/wir, sondern eine Liebe, die „durch das Spiel der Unterschiede funktioniert, anstatt durch das Insistieren auf dasselbe“.

Ausstellung Summer of Love

Die Ausstellung Summer of Love wird diese Ideen aufgreifen und daraus ein Netz aus kulturellen und historischen Referenzpunkten weben, um die Ideen von vor fünfzig Jahren mit der gegenwärtigen europäischen Krise zu verknüpfen, und uns womöglich dazu zu inspirieren, uns einen Ausweg aus der jetzigen politischen Sackgasse vorzustellen.

Sie wird auch das Vermächtnis des „Summer of Love“ hinsichtlich seiner Sexualpolitik reflektieren, von deren Errungenschaften wir heute noch profitieren. Jetzt ist ein günstiger Zeitpunkt dafür. Fünfzig Jahre sind vergangen; die „Babyboomer“ der Nachkriegszeit werden älter und sterben, und ihre jugendlichen Ideale sind weitgehend ausgestorben.

Erfahrungen und Enttäuschungen der 67er-Generation

Wir sollten uns fragen: was ist schiefgelaufen, wann und warum? Welche Lektionen können wir daraus lernen? Sollten wir diese Ideale überdenken? Können wir aus den Erfahrungen und Enttäuschungen der 67er-Generation lernen? In einer Welt, die sich rasch zurück zu entwickeln scheint, ist es Zeit, aus der Geschichte zu lernen um die gleichen Fehler zu vermeiden.

Aber es ist auch ein günstiger Augenblick, um den Sinn für Gemeinsamkeit, Offenheit und Freiheit wiederzuentdecken, den der „Summer of Love“ hervorbrachte. Zu guter Letzt ist eine griechische Insel7 im Sommer – in diesem Falle Samos – ein idealer Ort, um sich über diese beiden Themen auszutauschen. Vor dem Hintergrund einer ökonomischen Kernschmelze und einer fortdauernden Krise scheinen es die festen sozialen Bindungen zu sein, die eine Gesellschaft, welche sich noch nicht gänzlich aufgelöst hat, zusammenhalten.

Ausstellung in München

 

Mit MELANIE BONAJO (NL, 1978) /  JOHAN GRIMONPREZ (BE, 1962) / INTERNATIONALES INSTITUT FÜR SOZIALGESCHICHTE (Gegr. 1935, NL) / TOMOMI ITAKURA (US, 1976) / MIKHAIL KARIKIS (GR, 1976) / NICOLAS KOZAKIS & RAOUL VANEIGEM (BE/GR, 1967 & BE, 1934) / MARKO MÄETAMM (EE, 1965) / MARGE MONKO (ΕE, 1976)  / URIEL ORLOW (CH, 1976)


Ausstellungsdauer 5.8. bis 15.10.2017

 

Samos, Art Space Pythagorion

 

SUMMER OF LOVE 

Kuratiert von Katerina Gregos


Weiterführende Links:
Mehr Infos
http://www.schwarzfoundation.com