11.11.2014 08:41

Nachwuchstalente ausgezeichnet - Gute aussichten für junge FotografInnen im Marta Herford

Stefanie Schroeder, Ein Bild abgeben 2014

gute aussichten - junge deutsche fotografie – die acht Preisträger/innen und ihre Arbeiten: Misstrauen Sie (stets) dem unverwechselbaren Geschmack, Stefanie Schroeder, Ein Bild abgeben 2014

Karolin Back, Was ist Sekunde, wenn neben ihr die Welt steht? 2013

Karolin Back, Was ist Sekunde, wenn neben ihr die Welt steht? 2013

Katharina Fricke, Ein Tag im Oktober. Oder November. Oder Dezember. 2014

Katharina Fricke, Ein Tag im Oktober. Oder November. Oder Dezember. 2014

Andrea Gruetzner, Erbgericht 2013/14

Andrea Grützner, Erbgericht 2013/14

Marvin Huettermann, Es ist so nicht gewesen 2013/14

Marvin Hüttermann, Es ist so nicht gewesen 2013/14

Stefanie Schroeder, Ein Bild abgeben 2014

Stefanie Schroeder, Ein Bild abgeben 2014

Jannis Schulze, Quisqueya 2013/14

Jannis Schulze, Quisqueya 2013/14

Kolja Warnecke, Spuren 2014

Kolja Warnecke, Spuren 2014

Von: GFDK - Stefan Becht/ Marta Herford

Was sehen wir? Ein aufgeschlitztes Hemd, darunter ein Brustkorb und der Bauch eines Toten, die Haut gezeichnet von der Struktur des Stoffes. Daneben das Bild einer minzgrün gefliesten Badezimmerwand, über dem Duschkopf noch die obligatorische Badehaube aus durchsichtigem Plastik. Ein großer, traditionell gekleideter Mann aus Ghana, der nagelneue Fußballschuhe in Knallblau und Neongrün an den Schnürsenkeln hält. Eine Fotografin, offenbar im kommerziellen Dauereinsatz, die u.a. in einem Film eine Fotografin spielt, dabei aber keine Fotografien macht. In Schwarz-Weiß abgelichtete Häuserfassaden, Ein- und Ausgänge, Wege, Straßen, Zäune, Garagen, Parkplätze, alles in graues Herbstlicht getaucht, auf über 160 kleinformatigen Bildern …

 

Im 11. Jahr von „gute aussichten“ beschäftigt sich die junge Generation von Fotograf/inn/en mit den grundlegenden, den existenziellen Fragen unseres Lebens: der Alltäglichkeit des Sterbens und dem, was bleibt oder mit den Toten spurlos verschwindet. Der Verwurzelung der Menschen in ihrer Tradition bzw. Herkunft und wie sie, diese Menschen, doch längst die Gadgets und Alltagsgegenstände der westlichen (Überfluss-) Gesellschaft in ihr Leben integriert haben – moderne Migration.

Die Fotografie als ausübende Handlung, als Job, der zu erledigen ist, bei dem zwar ein Bild entsteht, dieses aber, wie die Fotografin selbst, zur Nebenrolle verkommt. Gleichzeitig wird damit die Kehrseite der Medaille eines langjährigen Kunststudiums sichtbar – "ein Bild abgeben" in vielerlei Hinsicht. Eine gezielte Spurensuche auf ganz alltäglichen Wegen, die  zeigt, wie aus dem, was wir in unserer täglichen Routine längst übersehen, durch Aufmerksamkeit und Perspektivwechsel etwas Sichtbares, Spürbares wird.

Nachwuchstalente für Fotografie gekürt

Mit anderen Worten: Die acht für "gute aussichten 2014/2015" ausgewählten Preisträger sind mit ihren Arbeiten dem Leben dicht auf Spur. Die Themen Tod, Migration, gesellschaftliche Diskriminierung, Einsamkeit, Isolation, Verzweiflung stehen Freude, Erkenntnis, Vielfalt und schöpferischer Kraft gegenüber. Mit ihren Werken fordern uns die Fotografen unverblümt heraus. Sie geben sich nicht zufrieden mit dem einfachen Ablichten. Sie sind auf der Suche nach Anzeichen, Hinweisen, nach Anklängen, Fährten, Zwischentönen. Sie zeigen die Spuren, die das Leben bei uns hinterlässt. Sie geben uns einen Geschmack davon, wie es um uns und unsere Gesellschaft bestellt ist – wie es William Gibson, der amerikanische Autor und Erfinder des „Cyberspace“, so treffend formulierte: "Misstrauen Sie (stets) dem unverwechselbaren Geschmack."

Ausstellung im Museum Marta Herford

Bereits zum dritten Mal präsentiert das Museum Marta Herford die talentiertesten NachwuchsfotografInnen aus Deutschland und zeigt in der Gruppenschau „gute aussichten – junge deutsche fotografie 2014/2015“ ausgewählte Arbeiten, die von Fotografie, über Bücher bis hin zu Videoprojekten reichen. Den Themen Tod, Migration, Einsamkeit oder gesellschaftliche Diskriminierung stehen Freude, Erkenntnis, Vielfalt und schöpferische Kraft gegenüber. Unterschiedlicher könnten die Arbeiten kaum sein.

PreisträgerInnen des Wettbewerbs

Unter den über hundert Einreichungen des Wettbewerbes aus 40 Institutionen wurden acht PreisträgerInnen von einer siebenköpfigen Jury ausgewählt, zu der dieses Jahr auch der britische Künstler Paul Graham gehörte:

Karoline Back (*1980 Stuttgart, lebt in Frankfurt am Main), verarbeitete den Berg der Berge, das Matterhorn, zu einer installativ angelegten Video-Projektion.

Katharina Fricke (*1982, Rostock) ging mit ihrer Kamera auf Fährtensuche im Bielefelder Stadtteil Sennestadt.

Andrea Grützner (*1984 Pirna, lebt in Berlin) ertastete mit ihrer Kamera einen alten Gutshof und erzeugte verblüffende grafische, bisweilen malerische Einsichten.

Marvin Hüttermann (*1987 Oberhausen) setzte sich mit dem Tod, den Toten in Krematorien und mit deren Wohnungen auseinander.

Stefanie Schroeder (*1981 Weimar, lebt in Leipzig) dokumentierte acht Jahre ihre Nebenjobs, die ihr das Kunststudium finanziell ermöglichten.

Jannis Schulze (*1987, Berlin) suchte die Spuren seines Vaters auf der geteilten Insel in der Karibik, auf der die Dominikanische Republik und Haiti liegen.

Kolja Warnecke (*1988, Hamburg) folgte sechs Monate lang mit seiner Kamera dem Leben von Bea, einer Frau, die er in einem Swinger-Club kennengelernt hatte.

Edouard Zent (*1983, Orsk (Russland), lebt in Bielefeld und Köln) porträtierte Menschen, die sich zwischen zwei Kulturen bewegen.

Die Auftakt-Ausstellung von "gute aussichten 2014/2015" findet am Sonntag, 23. November 2014 im Museum Marta Herford um 11.30 statt.

23. November 2014 – 11. Januar 2015, Marta Herford (Lippold-Galerie, 1. Stock)

sarah.niesel@marta-herford.de

info@guteaussichten.org

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