06.01.2017 09:38 30 Jahre Videokunst

Dreißig Jahre transmediale: Festival für Kunst und digitale Kultur

Pinar Yoldas – Artificial Intelligence for Governance, the Kitty AI

Pinar Yoldas – Artificial Intelligence for Governance, the Kitty AI, 2016

Suzanne Treister – HFT The Gardener

Courtesy the artist and Röda Sten Konsthall, Göteborg / Photo: Hendrik Zeitler

Metahaven – The Sprawl

Suzanne Treister – HFT The Gardener, Courtesy the artist, Annely Juda Fine Art, London and P.P.O.W., New York

Metahaven – The Sprawl

Metahaven – The Sprawl (Propaganda About Propaganda), 2016

Metahaven – The Sprawl

All rights reserved: Foto 3,4,5

Rasheedah Phillips and Moor Mother of Black Quantum Futurism

Metahaven – The Sprawl (Propaganda About Propaganda), 2016

transmediale 2017 ever elusive Logo

Metahaven – The Sprawl (Propaganda About Propaganda), 2016

Von: GFDK - Tabea Hamperl

Vom VideoFilmFest zu einem der weltweit wichtigsten Festivals für Kunst und digitale Kultur: Unter dem Titel ever elusive feiert die transmediale, zum sechsten Mal unter der künstlerischen Leitung von Kristoffer Gansing, vom 2. Februar bis zum 5. März 2017 ihr 30-jähriges Bestehen.

In diesem Rahmen präsentiert sie einen Monat lang Veranstaltungen in ganz Berlin sowie die Sonderausstellung alien matter im Haus der Kulturen der Welt. Mit der transmediale 2017 wird das HKW nach einer umfassenden Renovierung wiedereröffnet.

Die Kulturstiftung des Bundes fördert die transmediale als kulturelle Spitzeneinrichtung.
Die Sonderausstellung alien matter wird von der LOTTO-Stiftung Berlin finanziert.

Anstelle eines retrospektiven Ansatzes verfolgt ever elusive – thirty years of transmediale einen zeitgenössischen: Vor dem Hintergrund ihrer jahrelangen Beschäftigung mit kritischen und künstlerischen Medienkulturen im Rahmen des Festivals wird die heutige Rolle von Medien neu verhandelt. Wie lässt sich die Macht zu handeln und (technisch) zu vermitteln in einer Welt verorten, in der Technologie zunehmend unabhängig vom Menschen operiert?

Der Titel ever elusive verweist dabei gleichermaßen auf die Flüchtigkeit von sich ständig verändernden Medienkulturen wie auf die transmediale selbst, die sich jeglicher Festlegung widersetzt und bewusst kontinuierlich ihre Position verändert.

Angesichts der gegenwärtigen Krisensituationen sind die Teilnehmer_innen eingeladen zu reflektieren, was es bedeutet, sich in turbulenten Zeiten feststehenden Identitäten zu verweigern und stattdessen neue spekulative Haltungen zu entwickeln, die über „Mensch-Maschine”- und „Natur-Technologie”-Dichotomien hinausgehen.

Festival an 30 Orten in Berlin

ever elusive – thirty years of transmediale wird mit einem über einen Monat laufenden Programm an verschiedenen Orten in Berlin gefeiert.

Am 2. Februar 2017 wird im Rahmen von ever elusive im Haus der Kulturen der Welt das dreitägige Festivalprogramm sowie die von Inke Arns kuratierte Sonderausstellung alien matter eröffnet.
Das Festival, bestehend aus einem Konferenz- und Screeningprogramm, Workshops und Performances, erstreckt sich vom 3. bis zum 5. Februar 2017.

Im Anschluss wird das Programm in Form von drei thematischen Exkursionen unter den Titeln Imaginaries, Interventions und Ecologies den ganzen Februar über an verschiedenen Veranstaltungsorten in Berlin fortgeführt. Sie dienen als Erweiterung des Festivals und beschäftigen sich mit verschiedenen Aspekten des ever elusive-Themas. Die Veranstaltungsorte sind allesamt konzeptuell mit dem jeweiligen Schwerpunkt des Programms verbunden.

Die Sonderausstellung läuft vom 3. Februar bis zum 5. März 2017.

Das Abschlusswochenende am 4. und 5. März 2017 führt die verschiedenen Teile von ever elusive zusammen: Die Verbindung von Sonderausstellung, Panels, Live-Performances, Screenings und Exkursionen soll dabei eine Reflexion über vergangene und zukünftige Formen von Mediensprache anstoßen.

Programm-Überblick

Dauer: 2. Februar – 5. März 2017
2. Februar: Ausstellungs- und Festivaleröffnung im Haus der Kulturen der Welt
3.–5. Februar: Festival-Wochenende im Haus der Kulturen der Welt

3. Februar – 5. März: Sonderausstellung alien matter

Exkursionen
8. Februar: Exkursion Imaginaries, Langenbeck-Virchow-Haus
24. Februar: Exkursion Ecologies, silent green Kulturquartier
Datum & Ort tba: Exkursion Interventions

4.–5. März: Abschlusswochenende von ever elusive – thirty years of transmediale im Haus der Kulturen der Welt

Festival-Programm der transmediale

Das transmediale-Programm für ever elusive wird von dem künstlerischen Leiter Kristoffer Gansing, Daphne Dragona (Konferenz) und Florian Wüst (Film und Video) kuratiert.

Unter den Teilnehmer_innen des Festivals und der Exkursionen sind Rasheedah Phillips und Moor Mother von Black Quantum Futurism – ein multidisziplinäres Kollektiv, das die Überschneidungen zwischen Futurismus, kreativen Medien, DIY-Ästhetiken und Aktivismus in marginalisierten Gemeinschaften erforscht.

Im Fokus der Konferenz steht der immer fließender erscheinende Übergang zwischen Mensch und Maschine: Diskutiert werden die damit einhergehenden Fragen, wie sich die Zuordnung von Handlungsmacht verschiebt und was eine Dezentralisierung des Menschen bedeuten könnte.


In einem von mehreren Keynote-Gesprächen treffen sich Richard Grusin und Wendy Hui Kyong Chun: Wissenschaftler und Autor Richard Grusin stellt seine jüngste Arbeit über „radikale Mediation” vor und thematisiert damit das unmittelbare und allgegenwärtige Wesen der Mediation während der Wende zum Nichtmenschlichen hin, deren ökologische Auswirkungen und Kosten schwer greifbar sind. Wendy Hui Kyong Chun, Autorin und Theoretikerin, die gerade ihr Buch Updating to Remain the Same veröffentlicht hat, spricht darüber, dass heutige Medien „wunderbar unheimlich” geworden sind: Seitdem sie nicht mehr neu wirken, sondern zu einem gewöhnlichen und damit natürlichen, kaum noch wahrnehmbaren Begleiter geworden sind, laden sie die User_innen ein, selbst zu Maschinen zu werden.

Finn Brunton, Medienwissenschaftler und Autor, Suzanne Treister, bildende Künstlerin und Pionierin im Bereich Software-Kunst und Autorin Marloes de Valk kommen im Panel Prove You Are Nonhuman zusammen. Darin reflektieren sie die ständigen Bemühungen des Menschen, die Intelligenz der Maschine zu verstehen – und erforschen gegenwärtige Möglichkeiten, statt eines anthropomorphisierten einen nichtmenschlichen Standpunkt einzunehmen.


Autor, Künstler und Kurator Armin Medosch wird zusammen mit der Technopolitics-Gruppe ein Panel anlässlich der Technopolitics Timeline-Premiere in Berlin präsentieren. Die Zeitleiste, bestehend aus 500 Einträgen, zielt darauf ab, die Ursprünge und Genealogien aktueller technopolitischer Beispiele der Informationsgesellschaft aufzuzeichnen und – angelegt als kuratierter Wissensraum – kritisch zu beleuchten.

Das Film- und Videoprogramm des Festivals präsentiert aktuelle und historische Arbeiten verschiedenster Genres. Unter ihnen ist der künstlerische Dokumentarfilm The Sprawl (Propaganda About Propaganda) des niederländischen Design- und Forschungsstudios Metahaven aus dem Jahr 2016. Der Film stellt die These auf, dass das Internet zu einer zerstörerischen geopolitischen Wunderwaffe geworden ist: Wer profitiert von den Sozialen Medien? Drückt Adobe-Software eine Ideologie aus? Ermöglicht das Internet ästhetischen Terrorismus? The Sprawl ist ein paranoider, digitaler Trip, in dem sich Form und Inhalt gegenseitig beeinflussen.


Ebenfalls Teil des Film- und Videoprogramms ist die audiovisuelle Performance And yet my mask is powerful, Part 3, die Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme für die transmediale entwickeln werden. Den Ausgangspunkt des Projekts stellen 3D-Nachbildungen neolithischer Masken dar, die in der Westbank gefunden wurden. Zusammen mit anderen, von den Orten zerstörter palästinensischer Dörfer mitgenommenen Objekten und Materialien bilden sie einen Kontrapunkt zu dominanten Mythologien der Gegenwart, und aktivieren eine Geschichte der Enteignung und des Widerstands, der Auslöschung und der Wiederkehr.

Ausstellung in Berlin

Die von Inke Arns kuratierte Sonderausstellung alien matter befasst sich mit den neokybernetischen Kopplungen von Mensch, Lebewesen und Technologie, von humanen und nicht-humanen Kräften. Auf diese Weise reflektiert sie die heutige Notwendigkeit, die Möglichkeiten und Grenzen künstlerischen Ausdrucks durch Medien neu auszurichten und bezieht dabei über den Menschen hinausgehende Dimensionen von Materialität und Handlungsmacht mit ein.

Technologien sind zu einem selbstverständlichen Bestandteil der neuen Objektkulturen geworden, die uns umgeben. alien matter ist eine vom Menschen gemachte, ihm aber gleichzeitig radikal fremde, teilweise „intelligente“ Materie. Berliner und internationale Künstler_innen beleuchten, inwiefern unsere vermeintlich vertraute Umgebung zu fremder Materie geworden ist: Seien es die seltsamen Stockfotos schneebedeckter Bergpanoramen im Video von Ignas Krunglevičius, Mark Leckeys intelligenter Kühlschrank, die halluzinatorische Narration über einen High Frequency-Trader in den Drucken Suzanne Treisters, oder die Künstliche Intelligenz in Pinar Yoldas’ Video, die als niedliche 3D-animierte Katze aus dem Jahr 2039 rekapituliert, inwiefern die Unzulänglichkeit der Menschen zu einer Ersetzung der Politik durch künstliche Intelligenz geführt hat.


Auch die Stipendiat_innen der Vilém Flusser Residency for Artistic Research 2016, Morehshin Allahyari und Daniel Rourke, befassen sich mit Ökologie und ihrem widersprüchlichen Verhältnis zu neuen Technologien. Die im Rahmen der Residency entwickelte Arbeit The 3D Additivist Cookbook befasst sich mit dem Potenzial und der Materialität 3D-gedruckter Objekte und wird an gleich zwei Spielorten vorgestellt: Neben der Beteiligung an der Gruppenausstellung alien matter im Haus der Kulturen der Welt präsentiert die Schering Stiftung eine Einzelausstellung der Künstler_innen.

Weiterführende Links:
https://transmediale.de