05.09.2012 07:34 donumenta 2012: 14 x 14 – Vermessung des Donauraumes

donumenta 2012 - Igor Grubic - Angels with Dirty Faces - Gewalt, Gier und schmutzige Hände

Foto: Igor Grubic Angels with Dirty Faces, 2004–2006, photography, 80 × 120 cm. Courtesy: the artist

Von: Igor Grubic

Kurz vor dem 5. Oktober 2000 war ich zufällig in Belgrad. Über die Lautsprecher auf den Straßen hörte ich, dass die Bergarbeiter von Kolubara aus Protest in Streik getreten waren. Tausende von Menschen gingen auf die Straße, um ihre Solidarität zu bekunden. Dieses Ereignis war der erste Hinweis auf den beginnenden Fall des Milošević-Regimes.

Symbolisch gesehen kennzeichnet dieses Ereignis auch die Jahrhundertwende sowie das Ende des Sozialismus im ehemaligen Jugoslawien. Dieser Streik war entscheidend, da 50 Prozent des gesamten Energiebedarfs in Serbien von diesem Bergwerk abgedeckt wurden. Deshalb hatten zu diesem Zeitpunkt die Bergarbeiter die Macht, die politische Wende im Land maßgeblich zu bestimmen.

Ihr Vorgehen bestärkte wieder einmal die Tatsache, dass Arbeiter die Macht haben, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, wenn sie sich ihrer Stärke bewusst werden und sich gemeinsam für ihre Ziele einsetzen. Inspiriert von diesem Ereignis entschied ich mich, speziell für diesen Ort ein Werk für das Museum Moderner Kunst in Belgrad zu schaffen.

Ich dachte zunächst an monumentale Szenen und Bilder aus der Ära des Sozialismus, in denen die Rolle der Arbeiterschaft verherrlicht wurde. Als ich mit den Bergarbeitern zusammentraf, diskutierten wir über Kunst und unsere Gespräche drehten sich hauptsächlich um Filme. Filme von Kusturica mit Elementen des Surrealismus bedeuteten kreative Freiheit für die meisten und waren ihnen nahe und vertraut.

In meinen Gesprächen mit dem Gewerkschaftsvorstand, der an der Organisation des Streiks beteiligt gewesen war, diskutierten wir den Film von Wenders mit dem Titel „Der Himmel über Berlin“, und dieser Film wurde zum Schlüssel für die Interpretation dieses Werks. Ein Engel schwebt herab zu den Menschen und findet andere Engel, die bereits vor ihm gekommen waren, um der Menschheit zu helfen.

Da sie beschlossen hatten, auf der Erde zu bleiben, verzichteten diese Engel auf ihre Flügel und ihre Unsterblichkeit und wurden zu Bergarbeitern. Der Titel dieses Werks bezieht sich auf die paradoxe Situation, die wir in dieser Gegend in den 1990ern erlebt haben:

Einerseits sind da die Bergarbeiter, die trotz ihrer harten und ehrlichen Arbeit an der Armutsgrenze dahin vegetieren, aber saubere Hände und ein reines Gewissen behalten, auf der anderen Seite stehen die Politiker und alle Führungskräfte, die eigentlich eine Vorbildsfunktion ausüben, als solche herausragen sollten, die aber aufgrund der Gewalt, die sie gegen Menschen ausüben und aufgrund ihrer Gier und schmutzigen Bestechlichkeit in Wirklichkeit mit schmutzigen Händen dastehen.

Text: Igor Grubić

Foto: Igor Grubić, Angels with Dirty Faces, 2004–2006, photography, 80 × 120 cm. Courtesy: the artist