06.07.2014 09:00 Kunstverein

Ausstellung in Heidelberg: ›Eser‹ - zeigt verschiedene Kapitel von Judith Raums künstlerischer Forschung

Judith Raum ausstellung

"eser" ist die fünfte Ausstellung im Rahmen der Reihe "Einzelausstellung: Nicht alleine" und zeigt verschiedene Kapitel von Judith Raums künstlerischer Forschung; Bild 1: Judith Raum, Historisches Archiv der Deutschen Bank Berlin

Judith Raum heidelberg

Bild 2/3: Judith Raum

Judith Raum kunstverein heidelberg
Von: GFDK - Heildelberger Kunstverein

"Eser" ist türkisch und bedeutet "Werk". Auf einer von Judith Raums Reisen entlang der Strecke der Bagdadbahn verwendete ein türkischer Gärtner im Gespräch das Wort "eser" - jedoch nicht, um die historische infrastrukturelle Leistung der deutschen Ingenieure damit zu beschreiben, sondern für das Wesen eines Baumes.

Ausstellung in Heidelberg

"eser" ist die fünfte Ausstellung im Rahmen der Reihe "Einzelausstellung: Nicht alleine" und zeigt verschiedene Kapitel von Judith Raums künstlerischer Forschung, die sie seit 2009 zum deutschen Wirtschaftskolonialismus im Osmanischen Reich entwickelt. Ausgangspunkt ihrer umfangreichen Recherche bildet die Situation der Hausweber in Oberfranken Ende des 19. Jahrhunderts. Ausgehend von der Betrachtung dieses extrem prekären Unternehmertums verfolgt die Künstlerin die Fäden früherer Handelsnetze und geostrategischer Interessen am Beispiel des Baus der Anatolischen Eisenbahn und der Bagdadbahn ab 1888.

Das infrastrukturelle Großprojekt wurde von der Deutschen Bank finanziert und mit deutschem Know-How gebaut. Den Finanziers war vor allem an der Wirtschaftlichkeit der Bahn gelegen. Entsprechend galt ihr Interesse neben dem Bahnbau der Erschließung von Rohstoffquellen und von Märkten für deutsche Produkte, neben Maschinen etwa die in Oberfranken hergestellten Tücher. Aber auch die landwirtschaftliche Modernisierung Anatoliens rückte in den Fokus des Unternehmens.

Judith Raum verknüpft in ihrer Ausstellung Quellen aus dem Historischen Archiv der Deutschen Bank zum deutschen landwirtschaftlichen Engagement in Anatolien und zu den Arbeitsverhältnissen bei der Bahn mit ihrem subjektiven Blick auf die heutige Situation entlang der Bahnstrecke in Anatolien. Orte und Vorhaben, die in den historischen Korrespondenzen und Fotografien erwähnt werden, bestimmen die Routen, auf denen Judith Raum die anatolische Landschaft entlang der Bahnlinie bereist. Ihre Beobachtung gilt der Frage, wie sich die wirtschaftlichen Interessen um 1900 bis heute in die materielle Welt einschreiben und welche Momente von Widerstand gegen Rationalisierung und Kontrolle sich in den Verhältnissen vor Ort zeigen.

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Alternative Formen der Berührung, spielerische und scheinbar planlose Momente, bestimmen maßgeblich ihren eigenen taktilen und choreographischen Umgang mit den Oberflächen und Strukturen, die sie bearbeitet. So entstehen eingefärbte, mit Existenzspuren versehene Stoffbahnen oder durch einfache Eingriffe zusammengehaltene Assemblage-Objekte, die in der Ausstellung im Zusammenhang mit originalem Aktenmaterial aus Archiven und Fotos von Reisen zu sehen sind. Raums poetischer und zugleich taktiler Umgang mit den alltäglichen Spuren der Geschichte nimmt das Improvisierte und Lose in den Blick und übersetzt es in der Halle und im Lichthof des Heidelberger Kunstvereins in eine raumbezogene Installation, in der sich die unterschiedlichen Ebenen ihrer Recherchen gleichberechtigt zu einer eigenen Erzählung über die vielschichtige Berührung zweier Kulturen verdichten.

Ihre Reisen in die anatolische Hochebene und das Taurusgebirge unternahm Judith Raum gemeinsam mit der Künstlerin Iz Öztat. Der enge Austausch der beiden Künstlerinnen bedingt auch die gleichzeitige Präsentation ihrer Arbeiten im Heidelberger Kunstverein.

Judith Raum (geb. 1977 in Werneck) lebt und arbeitet in Berlin. Sie studierte Freie Kunst sowie Philosophie, Kunstgeschichte und Psychoanalyse in Frankfurt am Main und New York City, USA. Seit 2005 zahlreiche internationale Ausstellungen und Publikationsprojekte. Von 2007 bis 2011 unterrichtete Judith Raum an der Universität der Künste Berlin und war dort 2011 bis 2013 Stipendiatin der Graduiertenschule für die Künste und die Wissenschaften.

Kuratiert von Susanne Weiß.

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