19.12.2016 00:26 moderne und tradition

Ausstellung in Hamburg: umfangreiche Installationen von Haegue Yang

Installation von Haegue Yang in der Kunsthalle Hamburg

"The Intermediate – Pungmul Ball," 2016, by Haegue Yang, Courtesy of Hamburger Kunsthalle, Hamburg. Photo: Haegue Yang Studio. Image provided by Kukje Gallery

Von: GFDK - Kunsthalle Hamburg

Die in Berlin und Seoul lebende Künstlerin Haegue Yang (*1971) präsentiert in ihrer Einzelausstellung in der Galerie der Gegenwart eine umfangreiche Installation aus 17 Einzelwerken, die gleichermaßen auf industrielle Entwicklungen wie kunsthandwerkliche, volkstümliche Phänomene verweisen.

Moderne und Tradition, industrielle Entwicklung und volkstümliche Herkunft werden in Yangs Werken kommentarlos gegenübergestellt, während zugleich vielfältige Arbeitsmethoden, etwa Installationen aus industriell hergestellten Produkten wie Jalousien oder handwerklich gefertigte Skulpturen, zu betrachten sind und eine visuelle Sprache formaler Abstraktion oder erzählerischer Figürlichkeit in unkonventionellen Arrangements entfaltet wird.

Ausstellung in Hamburg

Unter dem Titel Quasi-Pagan Serial hat Yang eine dynamische Austellungsinszenierung geschaffen, die auf die von Oskar Mathias Ungers gestaltete Architektur anspielt. Die strenge, an geometrischen Rastern ausgerichtete Struktur des von Unger gestalteten Raumes findet sich in verschiedenster Form in dem seriellen Charakter der ausgestellten Werke wieder. In den beiden raumgreifenden Jalousieinstallationen Sol LeWitt Upside Down, die sich auf das Werk Cube Structure Based on Five Modules (1971-1974) des amerikanischen Konzeptkünstlers Sol LeWitt beziehen, werden Kubus, Quadrat und Serialität als beherrschende Architekturelemente paraphrasiert.

Das prägende Motiv des Grids steht mit der unmittelbar am Eingang positionierten Arbeit Sol LeWitt Upside Down in Beziehung, jedoch nicht konform zum Raum, sondern querstehend platziert. Die angeblich neutralen weißen Jalousien werden bewusst in einen starken Kontrast zu den durch Folien buntgerasterten Fensterflächen gestellt, deren farbige Lichtreflexe sich je nach Tageslicht in den Skulpturen brechen.

Im Gegensatz zum lichtgefluteten transparenten mittleren Bereich der Ausstellung ist der Raum mit der Serie der Sonic Half Moons (2014/15) überwiegend mit opaken Folien abgedunkelt. Der strengen Geometrie des Raumes werden sechs von der Decke hängende, kugelförmige Skulpturen beigestellt. Die mit metallischen Schellen übersäten Skulpturen können durch manuelle Einwirkung in Bewegung gesetzt werden, sodass die mit Schellen behängten Ketten hypnotisierende Choreographien aus synchronisierten fangarmartigen Linienformationen bilden, die sich in Licht auflösen.

Kunsthalle Hamburg

Die vier anthropomorphen Strohskulpturen The Intermediates zitieren volkstümliche Motive sowie Rituale oder Tanzformationen aus verschiedenen Regionen wie Afrika, Südamerika, Süd- und Ostasien, dennoch wirken sie wie hybride Charaktere. Ironischerweise sind die Skulpturen aus Kunststroh, einem Surrogat für Natur, gefertigt. Abstrakt und assoziationsgewaltig, wirken sie wie mysteriöse Figuren einer fremden Welt – unserer Zivilisation.

Spice Moon Cycle (2015) ist eine Serie von Drucken auf Schleifpapier, die aus einer linearen Abfolge von teilweise abgegeschnittenen Kreisen besteht. Ausgangspunkt ist der Mond als zyklisches Naturphänomen, das mit 20 verschiedenen Gewürzen visualisiert wurde. Erworben auf lokalen Märkten während eines artist's residency in Singapur (2012), können die Gewürze als Abbild oder „Abdruck“ des Alltags sowie auch der Kolonialgeschichte Asiens, der konfliktreichen Vergangenheit des Gewürzhandels und dessen globalen Auswirkungen verstanden werden. Quasi MB – In the Middle of its Story (2006-2007) bezieht sich auf die legendäre Arbeit von Marcel Broodthaers La Pluie (1969) und kann als Auseinandersetzung der Künstlerin mit der westlichen Avantgarde gelesen werden.

Samples – Wai Hung Weaving Factory Limited, Hong Kong (2015) erscheint auf den ersten Blick als eine bloße physische Darstellung eines Firmenprodukts. Bestehend aus einer kompletten Sammlung von Musterbögen des Herstellers, wird eine unscheinbare Historie eines lokalen Webfabrikanten in neun Farbkontrastreiche Rahmungen präsentiert, die stark an die Ästhetik des italienischen Architekten und Designers Ettore Sottsass (1917-2007) erinnern. Non-Foldings – Geometric Tipping #58 (2015) und Rainy Dirty (2012) stammen jeweils aus seriellen Werkgruppen, den Spraypaitings und den Lackbildern. Letztere sind mit schlichtem Holzlack überzogene Wandarbeiten, die die Spuren des Wetters sowie von Staub und Schmutz dokumentieren oder, mit Yangs Worten, als „Fliegenfänger“ der Umgebung fungieren sollen. Die Non-Foldings sind Schattenbilder von geometrisch gefalteten Papierobjekten, deren vage Schatten die verloren gegangene Gestalt der Objekte lediglich nur erahnen lassen.

Künstlerin Haegue Yang

Haegue Yang (*1971 in Seoul, Südkorea) nahm 2012 an der documenta 13 in Kassel teil, 2009 vertrat sie Südkorea auf der Biennale in Venedig. Zahlreiche Einzelausstellungen u. a. zuletzt Ullens Center for Contemporary Art, Beijing, China, 2015; Leeum, Samsung Museum of Art, Seoul, Südkorea, 2015; Bergen Kunsthall, Norwegen 2013; Aubette 1928 und Museum für Moderne und Zeitgenössische Kunst, Strasbourg, Frankreich, 2013; Haus der Kunst, München, 2012; Kunsthaus Bregenz, Österreich, 2011; Modern Art Oxford, Oxford, 2011; Aspen Art Museum, USA, 2011; Walker Art Center, Minneapolis, USA, 2009. Weitere Ausstellungen der Künstlerin werden in diesem Jahr im Serralves Museum, Porto und im Centre Pompidou, Paris eröffnet.

Die Präsentation bildet den Auftakt für das neue Ausstellungsformat Neuland. Im jährlich wechselnden Rhythmus lädt das Museum internationale Künstler_innen ein, den neuen Projektraum mit eigens hierfür geschaffenen Werken zu bespielen und sich mit globalen Veränderungsprozessen, mit Fragen von Migration, Identität und Verortung, Verlust und Zugehörigkeit zu beschäftigen. Neuland und ein damit verbundener Ankauf für die Sammlung der Hamburger Kunsthalle werden ermöglicht durch die Stiftung für die Hamburger Kunstsammlungen.