08.02.2013 08:00 Eröffnung am Samstag, den 9. Februar von 11 – 18 Uhr

Ausstellung in Frankfurt am Main: Michael Neubürger: Citism - seine erste Ausstellung in der L.A.Galerie Lothar Albrecht

Ausstellung in Frankfurt am Main: Michael Neubürger: Citism - seine erste Ausstellung in der L.A.Galerie Lothar Albrecht

(c) Michael Neubürger (Courtesy L.A. Galerie - Lothar Albrecht, Frankfurt)

Von: GFDK - L.A.Galerie Lothar Albrecht - 4 Bilder

„Neubürger macht Ernst mit dem Schlagwort, dass wir sehen würden, was wir wissen. War die Fotografie der Siebziger- und Achtzigerjahre des vorherigen Jahrhunderts an der Frage nach
Wahrheit und Wirklichkeit der Fotografie im Verhältnis zum Bildgegenstand interessiert, so bezieht sich Neubürgers neue Folge von Fotografien, die auch als zusammenhängende Gruppe gesehen werden muss, auf den Akt des Fotografierens selbst und die Tatsache, dass wir die Welt, ob wir sie gesehen haben oder nicht, aus Fotografien kennen. Wir bewegen uns ständig in Bildern über die Neubürger photographierend nachdenkt.“
Prof. Peter Weiermair

Ralf Christofori
Picturing the Cityscape
Michael Neubürgers fotografische Serie „Citism“

(…) Am Anfang und Ende von Michael Neubürgers Werkgruppe „Secular Cities – Ritual Sites“ (2009–2011) stand die Frage, ob die Fotografie überhaupt in der Lage sei, ein Bild der Gesellschaft zu schaffen – und wenn ja, unter welchen zeitgemäßen Voraussetzungen. Nicht weniger steht in seiner jüngsten Serie „Citism“ auf dem Spiel – hier jedoch mit Blick auf die Möglichkeiten zeitgemäßer fotografischer Stadtbilder. Dabei folgt Neubürger einer zugleich visuellen und konzeptuellen Annäherung an das Genre, indem er die Bedingungen und Einflussfaktoren eines repräsentierenden und vermeintlich repräsentativen Stadtbildes zur Diskussion stellt.
Die Serie „Citism“ – alle Fotografien sind im Jahr 2012 entstanden, beginnt an vergleichsweise unspektakulären Plätzen. In einem amerikanischen Vorort fotografiert Michael Neubürger einen typischen „Business District“, in dem sich Pickups und Vans auf einer vierspurigen Straße von Ampel zu Ampel bewegen und fußgängerlose Gehsteige an Läden, Baumärkten, Drive-Ins, Werkstätten und
anderen Dienstleistern vorbeiführen. Der „Trailer Park“ wiederum, den Neubürger in der unmittelbaren Nachbarschaft findet, gehört zu jenen Wohnsiedlungen, in denen die mobilen Heime und deren Bewohner eher ein Dasein von kurzer Dauer fristen. In diesem Fall jedoch scheinen sie sesshaft geworden zu sein. Das Leben wirkt hier alles andere als improvisiert: Die Trailer stehen in Reih’ und Glied, Vorgärten und Zufahrten sind sorgsam gepflegt, die Rasenflächen
ordentlich gestutzt. (…)

Michael Neubürgers Stadtbilder sind also keine Veduten im klassischen Sinne, deren ursprüngliche Aufgabe darin bestand, ein möglichst realistisches Bild der jeweiligen Stadtansicht zu malen, zeichnen oder gravieren. Wenngleich die Fotografie für ein solches Unterfangen womöglich das geeignetste Medium wäre. Vordergründig. Denn natürlich kann die Fotografie nur das ablichten, was sich sozusagen wirklich vor der Kamera befindet – die Wirklichkeit hinterlässt also tatsächlich ihre Spuren auf dem analogen Film oder digitalen Sensor. Die Bedingungen ihrer Entstehung und Rezeption aber reichen weit über diesen scheinbar kausalen Zusammenhang hinaus. Genauer gesagt, wird das Bild, das sich der Fotograf Michael Neubürger macht und dem Betrachter anvertraut, von drei Faktoren beeinflusst: davon, wie sich die Stadt realiter präsentiert; davon, wie die Fotografie diese Stadt sozusagen bildhaft repräsentiert; und schließlich von der Vorstellung der Stadt,
die sowohl der Fotograf als auch der Betrachter auf der Grundlage eines kollektiven oder individuellen Bildgedächtnisses in das jeweilige fotografische Bild hinein kolportiert.

Dass sich in Michael Neubürgers Werkgruppe auch hochgradig prominente Stadtansichten befinden, hat seine besondere Bewandtnis darin, dass sie in erster Linie medial vermittelte Motive ins Bild rücken. Bei der Aufnahme „Brandenburger Tor“ wird dies besonders offensichtlich. Das Wahrzeichen Berlins am Pariser Platz, Ende des 18. Jahrhunderts erbaut, ist nicht nur ein städtebaulich zentrales Bauwerk, sondern insbesondere ein politisches. Es markierte die Teilung Deutschlands, nach dem Mauerfall wurde es zum Symbol der Wiedervereinigung. Die geopolitische Grenzziehung schlug sich letztlich auch in den fotografischen Standpunkten nieder, aus denen das Brandenburger Tor in der jüngeren Geschichte überhaupt nur abgelichtet werden konnte: von Westberlin aus auf einem Podest über die Sperranlagen des „antiimperialistischen Schutzwalls“ hinweg; von Ostberlin aus in gehörigem Sicherheitsabstand, den die sogenannte „Hinterlandsicherung“ vorgab. Mit seiner Öffnung im Dezember 1989 avancierte das Brandenburger Tor vom politischen Mahnmal (das es auf beiden Seiten der geteilten Stadt verkörperte) zum Symbol der Wiedervereinigung. Als solches gehört es zu den unbedingten Sehenswürdigkeiten und gleichzeitig meistfotografierten Motiven der Bundeshauptstadt. Auf Letzteres lenkt Neubürger die Aufmerksamkeit des Betrachters, wenn er das Brandenburger Tor gerade nicht als Symbol ins Bild setzt, sondern als ein Motiv, das die fotografierenden Touristen millionenfach mit nach Hause nehmen. Das Fotografieren wird somit selbst zum symbolischen Akt, in dem wir uns sowohl des fotografierten Motivs als auch unserer eigenen Existenz am Ort vergewissern. (…)

Ganz gleich, ob sich ein Stadtbild historisch oder historisierend präsentiert – die fotografische Begegnung mit solchen Orten lässt sich in den wenigsten Fällen unvoreingenommen oder unverstellt bewältigen. So gehören Schauplätze wie das Brandenburger Tor in Berlin, der Canale Grande in Venedig oder die Karlsbrücke in Prag zu jenen Sehenswürdigkeiten, deren Klischees über produzierte
und reproduzierte Bilder massenhaft kolportiert werden. Das hat zur Folge, dass sich die damit verbundenen Stadtbilder in erster Linie aus Postkartenmotiven, Reiseführern und Bildbänden speisen. Und wenn wir als Tagestourist tatsächlich einmal dort waren, verdanken sich die bleibenden Eindrücke allen voran unseren Digitalkameras und Smartphones. Hinschauen lohnt sich kaum, denn
wir meinen diese Orte ja sowieso schon zu kennen. Das Klischeebild, das dazu tendiert, die Realität auf eine Schablone zu reduzieren, ist also das Ergebnis einer medialen Überflutung, aber ebenfalls einer kognitiven Strategie, die sowohl unseren Zugang zur „äußeren“ Wirklichkeit als auch zu fotografischen Bildern maßgeblich bestimmt. Oder anders: Um diese „äußere“ Wirklichkeit und die Bilder, die wir uns davon machen, leichter ordnen und verstehen zu können, bedienen wir uns sogenannter „idealized cognitive models (ICMs)“, die nicht nur unser Wissen, sondern maßgeblich unsere Perzeption organisieren.1 Nach Ansicht der kognitiven Linguistik verkörpern diese Modelle keine objektive Semantik, sondern eine idealisierte konzeptuelle Struktur, die George Lakoff zufolge nicht mehr und nicht weniger liefert, als einen „coventionalized way of comprehending experience in an oversimplified manner“. Das heißt, unsere Wahrnehmung stützt sich auf Konventionen und starke Vereinfachungen – man könnte auch sagen: Sie tendiert dazu, sich auf Klischees zu stützen, und bestimmt somit auch, was wir sehen und wie wir sehen.
1 Vgl. George Lakoff, Women, Fire and Dangerous Things: What Categories
Reveal about the Mind, Chicago 1987, S.68.

Kontakt

L.A.Galerie Lothar Albrecht
Domstraße 6
D-60311 Frankfurt
Germany
l.a.galerie-frankfurt@remove-this.t-online.de

 

Weiterführende Links:
http://www.lagalerie.de/