14.01.2013 07:02 “Verschwende dich!”

Ausstellung in Düsseldorf: Leander Kresse: “hide and seek”, Malerei - Finissage am 18.1.2013

Ausstellung in Düsseldorf: Leander Kresse: “hide and seek”, Malerei -  Finissage am 18.1.2013

(c) Leander Kresse

Von: GFDK - Art Unit - 4 Bilder

Vor neun Jahren trug er noch einen Hut und hätte als Shakespeares Kaufmann von Venedig durchgehen können. Halblange Locken und eine runde Brille schmückten sein Gesicht. Heute trägt er nur noch die reparierte Brille und einen Clark-Gable-Bart. Dadurch hat er tatsächlich was von einem Musketier. „Meine Eltern hätten sich gern das Gegenteil ihrer Geschichte für mich gewünscht“, sagte Leander Kresse damals, als frisch ernannter Meisterschüler von Markus Lüpertz.

Seine Mutter kommt aus dem Sudetenland, sein Vater aus Schlesien. Nach dem Krieg waren sie gezwungen, nach Dortmund zu fliehen. Sie wünschten sich für ihren Sohn ein bürgerliches Leben mit Sicherheiten und einem geregelten Einkommen. Doch Leander Kresse wollte schon immer Maler werden. „Nun, ich arbeite hart, eben das ganze Wochenende, und in der Woche habe ich frei.“ Seine Witze baut er geschickt ein und ich muss aufpassen, ihm und seinen Pointen folgen zu können.

Er hat einen Sohn, Lovis, sein einziges bildhauerisches Werk, wie er gerne sagt. Lovis ist neun Jahre alt und steht voll auf Sicherheit. „Schade, ich hätte mir gewünscht, er würde später mal ein Schriftsteller werden, der den ganzen Tag am Schreibtisch grübelt und raucht. Und ich würde ihn dann ermutigen und sagen, Sohn, verschwende dich, folge deiner Leidenschaft.“ Und so geht es nicht nur um den Wunsch, Maler zu sein, sondern auch um die Gefahr, einem antizyklischen Generationendogma zu unterliegen.

„Ich war stolz und fühlte mich geehrt, angenommen zu sein. Jeden Tag, als ich in die Akademie ging, las ich die in Stein gehauenen Namen der Künstler im Fries des Gebäudes. Ich war froh, schnell meinen Professor gefunden zu haben. Lüpertz vermittelte die Hierarchie in der Kunst, aber ohne Dogma. Er entwickelte eine besondere Atmosphäre und entfachte die Liebe zur Malerei.“ Der väterliche Bezug zum Professor hält bis heute. Er nennt ihn, Reinhold Braun, Friedrich Dickgiesser und Arnim Tölke die Vier Musketiere, sie spielen zusammen Fußball und zum Vatertag treten sie große Wanderungen an und trinken Bier. Wenn er davon erzählt, blickt er ein wenig nach links und lächelt verschmitzt. Kresse grinst oft, zieht dabei genüsslich an seiner Zigarette und lästert über sich und die Welt. Vielleicht ist das so eine Art Scheinkonversation, um von sich und seiner Malerei abzulenken.

Kresses Entwicklung erscheint mir enorm. Vor zehn Jahren beschäftigte er sich noch mit Figürlichem, Gegenständlichem, und es entstanden Arbeiten wie die mit dem Titel Kontaktaufnahme – zu sehen sind in eine Landschaft integrierte Telefonapparaturen. Doch treiben ihn die Reduzierung, die ständige Suche nach Blickschranken, der Wunsch, etwas zu verstecken und Geheimnisse zu schaffen. In dieser Zeit wurden seine Protagonisten auf Leinwand, wie Wanderer, Pferde, Tänzerinnen oder emporragende Lautsprecher, von breiten, scheinbar monochromen Vertikalen oder Horizontalen überlagert. Es entstanden Arbeiten wie Die großen Reisen, Troja oder Der Himmel über Haarlem. Früher interessierten ihn das Monumentale, das Geadelte. Heute beschäftigt er sich mit dem subtil Scheinenden, dem Monochromen. Es geht ihm um die Farbe in ihrer minimalisierten Dimension.

Leander Kresse glaubt an die Verantwortung als Künstler, als Maler. „Die traditionelle Malerei wird immer existieren, solang sie mit entsprechenden Bildern gefüllt wird. In meiner Zeit wird sie mit meinen Bildern bereichert.“ Er grinst und deutet auf sein überquellendes Bücherregal im Nebenraum seines Ateliers. Ein Sich-Austauschen mit der Vergangenheit und den alten Meistern findet ständig statt. Fasziniert berichtet er von Jacob van Ruisdaels herunter gezogenem Horizont. Der niederländische Landschaftsmaler entdeckte im 17. Jahrhundert eine neue Form, sich auszudrücken: Um seine Heimat, das flämische Land, in seiner Weite noch besser zeigen zu können, zog er den Horizont extrem weit nach unten, sodass fast nur noch Himmel zu sehen war.

Mit geräuschdämpfender, fein aufgerauter Baumwolle beginnt die Fläche von Kresses Werken zu erzählen: Molton wird auf Keilrahmen gezogen, mit Variationen eines Klebebands grob fixiert, bemalt, wieder beklebt und abgerissen. Fixiert, bemalt, entfernt. Eine Technik, die es Kresse ermöglicht, mit der zu bearbeitenden Fläche in einen objektiven, unbestimmten Dialog zu treten. Durch den Abziehmechanismus entsteht immer auch eine Form, die nicht vorhersehbar ist. Eugen Gomringer, der Vater der konkreten Poesie, beschreibt die Malerei Kresses als „auswendig vorgetragene Poesie“. Das nächste Bild ist das nächste Bild. Aber so arbeiten kann einer auch nur, wenn er auf ein Repertoire von Einsichten zurückgreifen kann, ohne auf Argumente achten zu müssen.

Alles ist Bestandteil des Ganzen. So wie die ungeraden Maße der Leinwände, das Mischverhältnis zwischen Leinöl, Binder und Pigment, die handgefertigten Leisten als Schattenfuge. Leander Kresse fühlt sich in der traditionellen Malerei zu Hause und hat seinen Stil gefestigt.

Die Schichtenmalerei ist für ihn eine Technik von vielen. Dabei wird nicht transparent gearbeitet, sondern mit dünnen und deckenden Farbschichten. Die unteren Bildschichten wirken nur noch dort in der Farbigkeit, wo sie nicht übermalt werden und stehen bleiben. Kresse erläutert: „Malerei ist wie das Hören von klassischer Musik, nehmen wir mal die von Stockhausen, die ist für manche einfach nur Krach und eine Katastrophe. Beschäftigt man sich aber damit und versteht das Konzept, bekommt man einen Zugang und kann sie einordnen.

Das ist für mich schon eine Form von Bildung.“ Es erfordert eine gewisse Empathie, eine Leidenschaft, Kunst betrachten zu können und sie zu schaffen, und so gibt er preis: „Werde ich von meinem Publikum nicht verstanden, entsteht eine behagliche Wärme in mir. Das ist ein sehr positives Gefühl von Einsamkeit.“ Er nennt es Risikobereitschaft, die vorhanden sein muss, um sich entwickeln zu können. Malerei ist eine eifersüchtige Geliebte.

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