15.11.2013 07:00 künstlerische Inspiration

Ausstellung in Darmstadt: haltlose gründe - thematisieren psychische Desorientierung, bildnerische Darstellung historischer Katastrophen

haltlose gruende ausstellung on der kunsthalle darmstadt

Die Künstler der Schau lassen durch die Verschleifung von Bildebenen, durch Schwebezustände, Brüche in der Perspektive und ungewöhnliche Blickwinkel einen verwirrenden, haltlosen Raum entstehen; Bild 1: (c) Emmanuel Bornstein

haltlose gruende ausstellung darmstadt

Bild 2: (c) Thomas Rick

haltlose gruende Miriam Vlaming Emmanuel Bornstein Sven Kroner

Bild 3: (c) Emmanuel Bornstein

Von: GFDK - Kunsthalle Darmstadt

Die Künstler der Schau lassen durch die Verschleifung von Bildebenen, durch Schwebezustände, Brüche in der Perspektive und ungewöhnliche Blickwinkel einen verwirrenden, haltlosen Raum entstehen. Diesen Nicht-Raum nutzen sie, um Grenzen des Erzählens zu überwinden. Sie thematisieren psychische Desorientierung, die bildnerische Darstellung historischer Katastrophen - und künstlerische Inspiration.

Ausstellung in Darmstadt

Miriam Vlaming (geb. 1971, Studium bei Arno Rink und Jan Dibbets, Einzelausstellung u.a. Kunsthalle Mannheim 2009) löst Alltagswelten durch räumliche Haltlosigkeit symbolisch auf. "Dead Moon" zeigt einen Wohnwagen in einer Landschaft, die in geheimnisvolle Strahlungen gehüllt ist. Die Landschaft wird von flächigen amorphen Bildsektoren unter­brochen. Sie verwirrt den Betrachter und löst die 'Behaglichkeit' der Szene mit dem beleuchteten Camper vollends auf. Das Bild mit dem symbolträchtigen "Rolling Home" steht so für eine neue Form des künstlerischen Erzählens, die alltägliche Gefühle von Beheimatung und Sicherheit durchbricht und eine neue Orientierung im Ungewissen ver­langt.

Im Gemälde "Morgendämmerung" erzeugt Miriam Vlaming mit dem gleißenden, überbelichteten Hintergrund eine Verunklärung des Raums. Es entsteht ein ambivalenter, haltloser Schwebezustand, der sich wie ein Symbol für den Zustand des im Krankenzimmer hingestreckten Patienten verstehen läßt: Die Lichtzone ist möglicherweise ein Zeichen für den Tod, der die Sphäre des Irdischen wortwörtlich auflöst.

Genauso gut kann die strahlende Sphäre wiederum auch ein klassisches Emblem für Hoffnung sein, ein Symbol für die Wiederkehr des menschlichen Bewußtseins ins Leben oder vielleicht auch für die seelische Energie des Menschen, die seine körperliche Existenz „überstrahlt“. Eine ähnliche traumartige Ambivalenz weist „The Fog“ auf. In einer wortwörtlich nebulösen Szenerie erscheint hier eine auf Gleisen hingestreckte Frau, die wie ein durchlässiger Schemen wirkt. Hinter ihr ist ein ebenso geisterhaft unwirklicher Zug zu erkennen, der sich vor einer Weiche befindet. Ob die Lok die Frau erfasst, ist deshalb ungewiss - genauso ungewiss wie die gesamte Wirklichkeit der Bilder, die fortwährend existentielle Momente, Konjunktive und Haltlosigkeiten ineinanderblenden.

Bildende Kunst

Sven Kroner (geb. 1973, Studium bei Dieter Krieg, Einzelausstellung u.a. Römermuseum Xanten 2011) läßt den Betrachter haltlos in großen Höhen schweben. Aus dieser Gottes­perspektive entdeckt der Rezipient merkwürdige, absurde Szenen, die den Alltagsverstand aushebeln. So ist auf einer kleinen Insel auf unerklärliche Weise ein riesiges Schiff gelan­det, das kaum den Weg über das im Bild erkennbare schmale Rinnsaal genommen haben kann. In der haltlosen Welt ist die Funktion des Fahrzeugs völlig außer Kraft gesetzt. Der "grundlose" Raum steht so auch für das künstlerische Programm, Zweckbindungen sym­bolisch aufzuheben und die freie, paradoxe Phantasie buchstäblich zu beflügeln.

In "Patmos 2" erscheinen zwei Wanderer in einer Ruine aus Beton. Das Erdreich ist brüchig, ein Autowrack scheint zu versinken. Sven Kroner variiert mit dieser zeitgenössi­schen Alltagsszene das bekannte Motiv von Johannes auf Patmos, der zwischen Ruinen seine "Offenbarung" verfasst. In der Kunstgeschichte ist Johannes auf Patmos eine der Symbolfiguren für Inspiration schlechthin. Deutet man Sven Kroners Gemälde program­matisch, so zeigt es, dass nur die Befreiung von Zwecken - symbolisiert durch die fragmen­tarische Ruine und das verwitterte Auto - Künstler oder Menschen schlechthin inspi­rieren kann. Die Haltlosigkeit der Dinge wird zur Freiheit der künstlerischen Deutung von Welt.

Emmanuel Bornstein (geb. 1986, Studium u.a. Ècole Nationale Supérieure des Beaux Arts, Paris, Einzelausstellungen u.a. Centre National des Arts, Ottawa, Canada 2008) verbindet allegorische Bildmuster mit räumlichen Diskontinuitäten. So zeigt er in seinen großformatigen Darstellungen "Waldbowling" Wölfe bei einem dämonischen Kegelspiel im Wald. Die Raubtiere tragen Tarnanzüge, erscheinen wie uniformiert, und erinnern an brutale Soldaten. In vielen seiner Gemälde nutzt Bornstein die Wölfe, um explizit an das nationalsozialistische Regime zu erinnern. Der Waldboden ist in wörtlicher Weise haltlos: Er wird von Schlünden unterbrochen, die wie Eingänge zur Hölle wirken. Die Destabilisierung des Grundes wird zu einem Symbol für das Chaos der Apokalypse und schließlich für den drohenden Tod.

Freunde der Kunst

In neueren Arbeiten verschleift Borstein sämtliche Raumgründe miteinander, schafft ein Ensemble von flächigen Bildsektoren, die vielfach in einem einzigen Farbton gehalten sind. In diesen haltlosen Bildern erscheinen reliefähnliche Figurengruppen, die ohne direkte mimetische Illusion an Flüchtlingszüge erinnern, gerade auch an die Züge deportierter Gefangener im Dritten Reich. Mit seinen Szenen, die stets in der Schwebe bleiben, reflektiert Bornstein so die Möglichkeit, überhaupt bildnerisch über die Schoah zu berichten: Die Verunklärung der Figuren und des Raumes symbolisieren, dass die Kunst Ereignisse wie den Völkermord an den Juden nicht durch einzelne, klar darstellbare Anekdoten abbilden kann, dass sie Sehgewohnheiten aufbrechen muss, dass sie gerade Haltlosigkeiten benötigt, um unvorstellbare Historie thematisieren zu können.

info [at] kunsthalle-darmstadt.de