11.02.2013 08:00 Museum Europäischer Kulturen / Museen Dahlem / Staatliche Museen zu Berlin

Ausstellung in Berlin: „alt vertrautes – neu entdecken“ Marseille - Krakau - Berlin bis zum 30.6.2013 im Museum Europäischer Kulturen

© Ethnografisches Museum Krakau, Foto: Łukasz Grudysz

Von: GFDK - Museum Europäischer Kulturen - 3 Bilder

Kleine Anekdoten, Kindheitserinnerungen, Gemälde, Fotografien, Spielzeug, Kunsthandwerk. Viele, scheinbar alltägliche Dinge verdichten sich in der Ausstellung „alt vertrautes – neu entdecken“ auf 380 qm zu einer Kulturgeschichte des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Nachdem die Ausstellung in Marseille (2011) und Krakau (2012) gezeigt wurde, endet die Reihe 2013 in Berlin.

Auch wenn die knapp 300 Exponate aus einem anderen Land stammen, erscheinen sie seltsam vertraut. Auf genau diesen Effekt setzen die polnischen Kuratorinnen, die anlässlich des hundertjährigen Bestehens des Ethnografischen Museums Krakau ausgewählte Stücke der Sammlung, insbesondere Objekte aus dem ländlichen Leben, zusammengestellt haben. Vierzig Personen, die mit dem Ethnografischen Museum Krakau verbunden sind, ließen sich auf einen Dialog mit den Dingen ein - Erinnerungen an in Vergessenheit geratene Begebenheiten, Stimmungen und die Menschen hinter den Objekten füllen diese mit neuem Leben. Sie teilten bruchstückhafte (Kindheits-)Erinnerungen, die ihre Vergangenheit in prägnanten Bildern und mit allen Sinnen wieder aufleben lassen, mit den Machern der Ausstellung: Es war der Versuch, in die Sammlung wie in einen Spiegel zu blicken: Welche Erinnerungen lassen sich mit einem Objekt verbinden? Oder löst viel mehr das Objekt Assoziationen aus? Was gibt das Objekt aus der eigenen Vergangenheit preis und was sagt es über das Hier und Jetzt?

Massige Metallschlösser, schwebende Schlüssel, Schmuckmöbel, gigantische Bienenstöcke, aber auch Bilder des bekanntesten polnischen naiven Malers, Nikifor aus Krynica, sowie Bildhauerarbeiten von Heródek, Jan Staszak, Antoni Kruczała, Fotografien von Michał Greim und Ignacy Krieger – sie alle wurden von den Krakauer Kuratorinnen für die Ausstellung ausgesucht, weiteren Exponaten gegenübergestellt oder mit Erinnerungen zu Assoziationsketten verbunden. Diese Erinnerungen sind wie Blitze, die ein kurzes Schlaglicht auf die Vergangenheit werfen und Atmosphären kurzzeitig wieder aufleben lassen. Die Objekte werden deshalb nicht in ausstaffierten Inszenierungen präsentiert. Stattdessen lässt das zurückhaltende, bewusst reduzierte Ausstellungsdesign Raum für das Kopfkino jedes Besuchers und lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was in den gezeigten Objekten häufig auf den ersten Blick nicht offensichtlich ist.

EIN BILD DER ERINNERUNG
Manchmal löst ein Bild oder ein Detail, das wir plötzlich wahrnehmen, eine Lawine von Erinnerungen aus und ruft uns eine Person oder ein Ereignis ins Gedächtnis zurück. Nach und nach zeichnet sich ihr Bild in unserer Erinnerung immer deutlicher ab. Auf ähnliche Weise entsteht auch die Glasmalerei, die im 19. Jahrhundert als sakrale Kunst der Landbevölkerung in Polen weit verbreitet war und in der Ausstellung präsent sein wird. Bei der Hinterglasmalerei werden die einzelnen Partien in Schichten aufgemalt. Erst wenn alle Schichten hintereinander aufgetragen wurden, fügt sich das Bild von vorne zu einem Ganzen zusammen.

HIGHLIGHTS
1. Künstler: Der naive Maler Nikifor (1895-1968) lebte buchstäblich in seiner eigenen Welt. Er war Außenseiter der Gesellschaft, malte aber unermüdlich Aquarelle auf jeglichem Papier, das er zu fassen bekam. Die Bilder verkaufte er preiswert auf der Straße. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden seine Bilder häufiger ausgestellt und seine Bekanntheit wuchs. Trotzdem starb er im Obdachlosenheim. Seine einfachen, farbenfrohen Bilder zeigen Landschaften, Städte, Kirchen und Selbstportraits. Momentaufnahmen täglichen Lebens, das jedem bekannt und vertraut war und somit zur kulturgeschichtlichen Dokumentation einer Region wurde.
2. Heródek, eigtl. Karol Wójciak (1892-1971) – Bildhauer aus Lipnica Wielka im Süden von Kleinpolen (Małopolska). Er lebte zurückgezogen in einem Pferdestall, der ihm auch als Werkstatt diente. Seine Skulpturen fertigte er aus Wurzeln und Holzscheiten an und erzählte Geschichten über sie. Die größeren stellte Heródek auf einer Wiese auf, damit sie die Menschen zu einem frommen Leben bewegten.
3. Bienenstöcke: Eine weitere Besonderheit im Umgang mit Holz sind die in der Ausstellung zu sehenden Klotzbeuten, d.h. Bienenstöcke. Vor allem Ende des 19., Anfang des 20. Jhds. wurden diese ausgehöhlten Baumstämme auch zu Figuren geschnitzt und bemalt. Solche figuralen Bienenstöcke stellten zum Beispiel Mönche in Ordenskleidung dar. Die einfachen Klotzbeuten nehmen Bezug auf die älteste Form der Imkerei – die Waldbienenzucht. Bei den figuralen Bienenstöcken ging es dem Imker dabei nicht nur um einen gesunden Bienenschwarm und eine gute Honigernte, sondern auch um Ästhetik. Eine Imkerei konnte somit gleichzeitig eine Galerie interessanter Skulpturen sein.

GESCHICHTE VERARBEITEN – ZEUGE SEIN - ERINNERN
Jan Staszak (1937-1997) lebte in Harmęże bei Oświęcim in Kleinpolen (Małopolska). Er war ein Autodidakt in der Bildhauerei und arbeitete sowohl mit unbehandeltem als auch gebranntem Holz. Sein Rohmaterial nahm er von Bäumen, die in der Nähe des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau wuchsen. Staszak meinte, er müsse einen Werkstoff verwenden, der „Zeuge“ der Geschichte war. Er zeigte auf, wie sich Erinnerungen in den Alltag einbetten. Seine Ängste, seine Freuden und sein Kummer, die sich in seiner Arbeit widerspiegeln, gewinnen in den Skulpturen immer an Schärfe.

EINFACHE DINGE
Das Putzen von Schuhen, der Geruch von Kaffee am Morgen, gemeinsame Mahlzeiten im Familienkreis, der Geschmack von frisch gepflücktem Obst – einfache Ereignisse, Bruchstücke des Alltags, die uns normalerweise nicht besonders wichtig erscheinen. Und doch haben auch sie ihre Bedeutung - nach Jahren rufen sie etwas ins Gedächtnis zurück und können zu Momenten einer ganz privaten Erscheinungen werden. Und obwohl man sie jederzeit wiederholen kann, können sie für jeden etwas anderes bedeuten. Ein Schlüssel, ein Tisch oder ein Schrank rufen verschiedene Assoziationen hervor, manchmal vollkommen andere Emotionen.

Die Ausstellung präsentiert den Besuchern mehr als bloße Objekte. Sie eröffnet neue Bedeutungsebenen und weckt überraschende Assoziationen. So erweisen sich die Objekte als Schlüssel nicht nur zur Kultur sondern auch zur (eigenen) Erinnerung.

Kontakt

Museum Europäischer Kulturen

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