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Hans-Joachim Domachowski – Raumorientierte Malerei vom 12. Februar – 09. April 2010 Bielefeld
Die alten Mythen der Malerei, die Erzählungen vom Meisterwerk und die Sehnsucht nach dem auratischen Erlebnis im Blick auf das Original sind bekanntlich wieder sehr beliebt und wollen gerade heute immer wieder neu erzählt werden. Doch was machen wir, wenn sich die Wahrheit unserer Zeit und damit auch die Wahrheit der Malerei nicht unmittelbar, sozusagen an der Oberfläche ihrer Sichtbarkeit entblößt? Der heutige Zeitgeist formuliert: Nicht mehr der Mythos zähle heute, sondern das Medium, an die Stelle von Formen und Farben sei heute die Funktion und das Funktionieren getreten.
Die Arbeiten von Hans‐Joachim Domachowski zeigen, dass diese einfache Gegenüberstellung so natürlich nicht funktioniert. Wer heute vom Mythos gemalter Bilder spricht, der darf auch vom Funktionieren reflektierter Funktionen nicht schweigen. Anstelle eines subjektiven Nachvollzugs des Geschehens im Werk interessieren uns Heutige eher die kommunikative Konstruktion, sozusagen die Koproduktivität des eigenen Beobachtens und Unterscheidens.
Wer vor der Malerei und Grafik Domachowskis etwas von der Dynamik des Gestalteten beobachtet, der kann auch etwas von der Dynamik seiner eigenen Beobachtungen erzählen. Spätestens seit der amerikanischen abstrakt‐expressiven Malerei etwa eines Jackson Pollock, eines Willem De Kooning oder der erschreckenden Unmittelbarkeit eines Barnett Newman wissen die Kunstbetrachter: das Bildfeld verkörpert eine Fläche, in dessen Raum ein Betrachter existiert, der darüber meditiert, wie das wahrgenommene Bild ihn ins Geschehen hineinzieht.
Mehr und mehr wurde das Bild seit dem XX. Jahrhundert zu einem Kraftfeld, in dem sich Aggression und Reflexion, Wagnis und Selbstüberschreitung, Meditation und Machen in einander verschachteln. Oder mit den Worten Barnett Newmans: „Das Bild gewährt dem Betrachter die Erfahrung, Teil des Bildes zu sein, als ob man in sich selbst hinein geschlüpft wäre, als ob man dem Auftauchen des eigenen Bewusstseins im Innern beiwohnen könnte.“
Diese unglaubliche Emphase, deren Echo wir auch im Werk von Hans‐Joachim Domachowski zu spüren glauben, diente und dient sicher auch der Selbstverherrlichung des Mediums Malerei. Eines ist unzweifelhaft: Was der Maler hier vor uns in scheinbar wild‐gestischer Manier und einer Art überraschenden Willkür in Szene setzt, erzeugt auch einen lebenden Resonanzkörper, den Betrachter, sozusagen das koproduzierende Gegenüber des Malers. Eine künstlerische Arbeit ist heute im Computerzeitalter mehr als eine inszenierte, fiktive Welt aber auch mehr als buchstäblich nur noch eine Referenz, eine Bezugsfläche, die wir im Laufe der Zeit zu einem globalen Netzwerk des Wissens verknüpfen.
Ein künstlerisches Werk ist genau genommen eine weit in den Raum des Betrachters hinein ragende Welt in der Welt, deren Äußerlichkeit durch die Form unserer Beschreibung von Innen her wieder zum Leben erweckt wird.
Die moderne Medientheorie sagt, dass die Form den Inhalten gegenüber äußerlich ist und im Prozess des Machens und Betrachtens ins Innere des Werks rückt und damit wie ein uns informierendes Beobachten im Werk selbst funktioniert. Dabei können wir einem spannenden Vorgang auf die Spur kommen. Kunst macht eine Form, die ihrerseits einen Unterschied macht und damit mindestens eine zusätzliche Beobachtung ermöglicht: wer etwa im Sinn hat, das Gegenteil des Malens, also das Nichtmalen mit zu malen, der muss sehr genau wissen, was er da gerade tut – doch er muss nicht unbedingt wissen, wie er es im Detail realisiert. Hauptsache, er weiß, dass und in welchem unausweichlichen Dilemma er als Maler und Künstler heute steckt.
In jedem einzelnen Bild sehen wir, wie Bilder sozusagen aus der Fülle ihrer heutigen Möglichkeiten, also auch aus ihrem eigenen Nichts entstehen: wir sehen, wie aus indirekten Hinweisen und Verweisen, wie aus Spuren und Gesten, wie aus gemalter Farbe und reflektierter Form etwas doch sehr Unwahrscheinliches entsteht – nämlich die Form, in der ein Kunstwerk erscheint.
Diese Selbstbeobachtung, jene Suche nach der Aufmerksamkeit, der Selbstthematisierung gab es auch schon in früheren Zeiten ‐ aber heute wird diese Selbstbeobachtung in veränderter Form aktualisiert: Ein Bild bezieht sich sowohl auf den Raum innerhalb des Rahmens und auf die Welt außerhalb. Und als Bild vermittelt es uns eine Ahnung, wie man zwischen beiden Räumen hin‐ und herschalten kann.
Die Spuren, die wir in Domachowski Bildern registrieren, sind dabei teilweise verhalten, teilweise dynamisch expressiv – genau läßt sich das wohl gar nicht ermitteln. Was wir jedoch mit Sicherheit in seinen Bildern entweder direkt oder indirekt wahrnehmen können, ist die gesteigerte Wahrnehmung der eigenen Wahrnehmungsleistung. Mit anderen Worten: Die Veränderung, die Operation, die Domachowski strukturell und nicht nur vordergründig in Szene setzt , vollzieht sich nicht nur im sichtbaren Bereich.
Das Verändern als Prozess und das Veränderte als sichtbar gemachte Form ist im Bild dokumentiert. Veränderungen – und auch das weiß ein Künstler wie Domachowski intuitiv ‐ operieren immer mit einer doppelten Perspektive: als Konstruktion einer dekonstruierten Wirklichkeit im Bild und als Fiktion eines ungewöhnlichen Machens. Das Machen weist im Tun auf sich selbst und auf andere Wirklichkeiten hin. Die Wirklichkeit im Bild entsteht also in dem gleichen Moment, indem sie vergeht. Dieser kurze Moment, indem plötzlich Imagination aufflackert, heißt mit einem unsinnlich‐schönen Wort – Reflexion.
In jener Wirklichkeit, die sich mit der Reflexion ihres Entstehens verändert, entsteht sozusagen als Zugabe auch eine Variation eben dieser reflektierten Wirklichkeit. Auch in Domachowskis Arbeiten existiert eine relative Dichte von Variation. Rot stößt auf Blau, Blau bindet Rot. Im Bild erscheinen plötzlich Zusammenhänge, die genau so schnell wieder wechseln, wie wir sie gerade noch beschreiben konnten.
Zwischen dem Formulieren der Beobachtung des im materialisierten Bild Gemachten und der am Bild abgelesenen Erfahrung vermittelt teilweise nur ein minimaler Abstand. Ein Geheimnis eines gelungenen Werkes besteht bekanntlich darin, dass es unsere Fremdheit verstärkt und die Distanz zum scheinbar Selbstverständlichen erhöht. Der Raum, auf den Malerei immer auch metaphorisch Bezug nimmt, wird nun zu einem sich selbst offenbarenden – zu einer Formulierung einer Fiktion, in der alles möglich wird und zugleich unmöglich ist.
Der Raum, auf den ich hier anspiele, ist ein in sich selbst zu entfaltender Raum, den möglicherweise auch ein Maler wie Domachowski im Auge hat: es ist ein sozusagen noch nicht‐gemalter, negativer Raum, eine noch unbestimmte Wirklichkeit, die jeder, der Kunst macht oder über sie schreibt, im Kopf hat und auf die er sich bezieht, indem er mit ihr operiert. Dieser ausgesparte, negative Raum, auf den sich heute Werke als Formen beziehen, entsteht, indem unsere Beobachtung nicht mehr zwischen einer fiktionalen Welt und einem funktionalen Rückbezug eindeutig unterscheiden kann.
Ich bin meine eigene Überraschung, sagt uns das Werk und staunt dabei über die Fähigkeit, sich selbst auch noch indirekt thematisieren zu können. Vielleicht ist es wirklich so: dass die Fähigkeit, sich selbst überraschen zu können zu einer der grundlegenden Optionen von Kunst gehört. Das heutige Werk lässt sich bei aller theorietechnisch möglichen Aufrüstung nicht bis ins Detail selbst‐beschreiben. Und vielleicht ist dies auch eine Botschaft. Kunst funktioniert artifiziell und ungewiss, weil es überraschend anders beobachtet werden kann.
Mich jedenfalls überrascht immer wieder neu, wozu man selbst, und sei es auch nur als Betrachter, fähig wird, wenn man Kunst als eine Form betrachtet, die eine Form unterscheidet.
Dauer der Ausstellung bis zum 9.4.2010
Kontakt
Galerie BAAL
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D-33512 Bielefeld
Galerie BAAL auf Dürkopp Tor 6
Geschäftsführer: Bernd Schlipköther
August-Bebel-Straße 135
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Telefon +49 521 - 260 81 82
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Links
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