29.04.2015 13:30 Auf den Punkt gebracht:

Warum Lügenpresse ins Schwarze trifft und wir den Begriff selbstbewusst benutzen können

Luegenpresse, Bild Zeitung

Jeder politisch und gesellschaftlich interessierte Mensch, der Tabuthemen diskutieren möchte, handelt nicht systemkonform und darf ignoriert und/ oder bekämpft werden

Luegenpresse Wort des JahresLuegenpresse auf den Punkt
Von: GFDK - Markus Siegers

Teil 1 - Kaum kratzt in unserem Land ein politisch interessierter Mensch an Tabuthemen, wird er stigmatisiert - auf gut Deutsch: gebrandmarkt. Das erfährt jeder am eigenen Leibe, der in der Öffentlichkeit stark verzerrte, manipulative Darstellungen der Leitmedien kritisiert. Gleiches widerfährt ihm, wenn er die Position hiesiger Machthaber zu besonders kritischen Themen hinterfragt.

Häufig verwendete Stigmatisierungen sind dabei „Nazi“, „Putinversteher“, „Verschwörungstheoretiker*“ und „Idealist“. Ein Mensch der so gebrandmarkt ist, darf nach den aktuellen Gepflogenheiten der politischen Bühne ignoriert und nach den gelebten Regeln der Lügenpresse verbal fertig gemacht werden. Selbst hochrangige Politiker, die einmal frei von parteipolitischen Doktrinen denken und sich öffentlich zu Tabuthemen äußern, sind vor diesen Erfahrungen nicht gefeit(siehe Wulff und Köhler).

Auf den Punkt gebracht:

Jeder politisch und gesellschaftlich interessierte Mensch, der Tabuthemen diskutieren möchte, handelt nicht systemkonform und darf ignoriert und/ oder bekämpft werden*,**.

Unsere aktuelle, (teil)demokratisierte Gesellschaft funktioniert offenbar nicht ohne Manipulation und Repression. Wie sonst sollte auch gewährleistet sein, dass bei dem existierenden breiten Parteienspektrum die entscheidende Mehrheit der Machtinhaber auf eine sehr enge politische Bandbreite reduziert ist – jüngst auch zu verfolgen an dem Aufkommen von Figuren wie Kretschmann (Grüne).

Vor diesem Hintergrund ist es besonders interessant zu verstehen, wie - und warum - die Machthaber so empfindlich auf das Tabuwort Lügenpresse reagieren. Im Folgenden zum „Wie“:

Brandmarke Rechtsradikal

Das Mittel des Brandmarkens (=stigmatisieren) wird auch von Personen verwendet, die an dem heute herrschenden Medien-System mitgebastelt haben, es steuern, daran mitwirken und/ oder davon profitieren. Es ist ein höchst unfaires und bedenkliches rhetorisches Mittel. Im Zusammenhang mit der Wortschöpfung Lügenpresse ist vermehrt das folgende Stigma aufgetreten:

„Menschen, die das Wort Lügenpresse verwenden, bedienen sich dem Repertoire von Rechtsradikalen.“

Paradoxerweise wurde übrigens die Technik des Stigmatisierens von den Nazis gerne verwendet…

Unbenommen von dieser offenkundigen historischen Ignoranz eignet sich der Begriff Lügenpresse auch sonst nicht, um unbequeme Freidenker in die Nazi-Ecke zu schubsen.

Denn das Wort Lügenpresse ist gar keine Erfindung der Nazis1. Mehr noch, es wurde von der entsprechenden Führungsriege kaum benutzt. So bevorzugte Goebbels z.B. den Begriff Journaille - anders übrigens als später einige westdeutsche Journalisten, die in den ersten Jahren der Bonner Republik das Wort Lügenpresse benutzten und zwar im Zusammenhang mit der Presse der sowjetischen Einflusszone – liest man immerhin in einem Artikel der FAZ vom 13.1.2015 „Eine kleine Geschichte der Lügenpresse“.

Framing

Framing ist ein weiteres manipulatives und subtiles Mittel und soll die Benutzer des Wortes Lügenpresse in Verbindung mit einer bereits stigmatisierten, offiziell geächteten Randgruppe (z.B. Pegida) bringen. Lügenpresse ist aber etwas ganz anderes als „Pegida-Sympathisant“.

Lügenpresse ist die gelungene Verdichtung der wohlbegründeten und gut recherchierten Kritik an der tendenziösen, manipulativen und von elitären Minderheiten gesteuerten Berichterstattung der Leitmedien. Es ist darüber hinaus eine hoch aktuelle und brisante Zustandsbeschreibung des sich über die letzten Jahrzehnte immer stärker verdichtenden Konglomerats aus Medien, Politik und Großkonzernen3,4,5:

Dementsprechend müsste es eigentlich auch Lügenmedien heißen, denn auch Fernsehen und Radio einschließlich der Öffentlich-Rechtlichen spielen hier über manipulierende** und von Politikern beeinflusste Formate wie den Tagesnachrichten entscheidend mit. Lügenpresse klingt aber unsympathischer als das weichere Wort „Lügenmedien“ und drückt deshalb treffender aus, was es ausdrücken soll: ein angewidertes, ablehnendes Gefühl.

Die Politik erlaubt sich selber zahlreiche und nicht selten dreiste Wortschöpfungen. Was hält uns also davon ab, die zeitgemäße, treffende und prägnante Wortschöpfung Lügenpresse zu benutzen?

Es war nicht immer so, aber inzwischen befinden sich die als Lügenpresse bezeichneten Leitmedien im Printbereich fast ausnahmslos in den Händen von konservativen Super-Reichen3 oder westlichen Konzernen. Zeitgleich beeinflussen Politiker über Rundfunkräte und andere Repressalien entscheidend die Öffentlich-Rechtlichen4. Diese verqueren Rahmenbedingungen ermöglichen und konservieren den aktuellen Missstand.

In dem sich verdichtenden Konglomerat aus Politik, Wirtschaft und Medien beeinflusste beispielsweise die Bertelsmann Stiftung die Hartz IV Gesetze5 und mischte bei Deutschlands (Ver-)Bildungspolitik kräftig mit6. Letzteres hat übrigens zu bedenklichen Veränderungen geführt, die die Entwicklung eigenständigen Denkens in der Schule nun noch stärker behindern.

Noch einmal zusammengefasst: Mit Lügenpresse wird ein von elitären Minderheiten erheblich beeinflusstes System beschrieben das entscheidende systemrelevante Bedeutung hat. Lügenpresse umfasst hingegen nicht die Journalisten in Ihrer Gesamtheit und schließt auch ein, zwei kleinere, unabhängige Zeitschriften nicht mit ein.

Der Autor des eingangs zitierten FAZ-Artikels, Rainer Blasius, kommt denn auch zu der Erkenntnis:

„Der Schmähbegriff (Lügenpresse) wird immer dann aus der Mottenkiste geholt, wenn es darum geht, der jeweils anderen Seite die Legitimation zu entziehen.“

Abgesehen von dem unsachlichen Wort Mottenkiste… - Genau so ist das, Herr Blasius! Die Menschen, die heute den Begriff Lügenpresse verwenden, finden die nachgewiesenermaßen2 stark tendenziöse und gleichgerichtete Berichterstattung bei wichtigen politischen Themen nicht mehr legitim. Jedenfalls dann nicht, wenn eine treffende, ausgewogene Information der Öffentlichkeit der Maßstab ist.

Menschen, die heute bei vernünftigem Zeitaufwand treffend und ausgewogen informiert sein wollen, dürfen den Begriff Lügenpresse deshalb in aller Gelassenheit und mit dem gebührenden Selbstbewusstsein verwenden.

Zu klären bleibt in den in Kürze folgenden weiteren Ausführungen:

  1. ob das mit dem Begriff Lügenpresse verbundene Urteil des Legitimationsentzugs nachvollziehbar, angemessen und treffend ist.
  2. warum sich einige Politiker und Redakteure so heftig und rhetorisch unfair gegen den Begriff Lügenpresse wehren oder versuchen, die dahinter liegenden Umstände zu verharmlosen.
  3. aufzudecken, wie hilflos und unpassend verschiedene Argumente gegen die Verwendung des Wortes Lügenpresse sind.
  4. wie es dazu kommen konnte, dass Lügenpresse zum Unwort und nicht zum Wort des Jahres gewählt wurde
  5. Ergänzungen von Eurer (Leser-) Seite gerne gesehen

* damit verbunden ist die Unterstellung von Wahnvorstellungen oder Realitätsverlust. Es wird einem interessierten Menschen, der berechtigte, wenn auch unangenehme Fragen stellt also ein geistiger Zustand untergeschoben, der Voraussetzung ist, um diesen Menschen in eine psychatrische Anstalt einzuweisen. Es handelt sich also um eine unterschwellige Androhung von Freiheitsentzug und Gewalt, wie nicht nur bei Mollat kürzlich in unserem eigenen Land geschehen.

** manipulierend, weil die in der Tagesschau getroffenen Aussagen und unterschwelligen Botschaften aufgrund der Prime-Sendezeiten, des kurzen, kondensierten und geschliffenen Formates und aufgrund der täglichen Wiederholungen viel stärker wiegen, als die Inhalte irgendwelcher um Mitternacht gesendeter Hintergrundberichte

Berlin, 29.4.2015 Markus Siegers.

 

1Quelle:

2Quelle: u.a. Putin vs. Obama –eine linguistische Analyse  Bachelor-Arbeit vorgelegt von Mirjam Zwingli Hochschule für angewandte Sprachen Fachhochschule des Sprachen & Dolmetscher Instituts München Externenprüfung

3Quelle: https://www.facebook.com/ttip.aktionsbuendnis/videos/933032133422793/?pnref=story

4Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Rundfunkrat#Zusammensetzung

5Quelle: Siehe Helga Spindler, „War auch die Hartz-Reform ein Bertelsmann-Projekt? einen guten Beitrag in Jens Wernicke, Torsten Bultmann (Hg.) Netzwerk der Macht – Bertelsmann, Marburg 2007, S. 279ff.

6Quelle: https://kirschsblog.wordpress.com/2011/10/17/groses-echo-auf-kritik-an-oecd-bertelsmann-und-pisa-ferien-nachlese/  und weiterführend http://www.lehrerverband.de/aktuell_Dossier_Bertelsmannstudien_Dez_12.html

Weiterführende Links:
Medien als Bestandteil eines Unterdrückungsapparates?

So gesehen befindet sich in dem System der Medien natürlich auch eine Art Unterdrückungsapparat, ein elitäres wohlhabendes Milieu hat es sich schließlich zu eigen gemacht, die Meinung der ganzen Bevölkerung so zu prägen, dass sie selbst maximal profitiert.
https://gedankenprotokolle.wordpress.com/2015/05/03/teil-i-medien-der-ungleiche-meinungskampf/

Ein Spitzenplatz ist das nicht. Am Welttag der Pressefreiheit findet sich Deutschland nur auf Platz 12 des Rankings von Reporter ohne Grenzen. Die Unesco-Botschaft für den 3. Mai lautet: „Eine Beschränkung der Pressefreiheit ist immer auch eine Beschränkung der Demokratie.“
https://jungefreiheit.de/kultur/medien/2015/keine-pressefreiheit-ohne-wahrheit/