22.03.2013 10:00 Eine Frage des Geschmacks

Loriot und das RTL-Format „Sieben Tage Sex“: So nah und doch so fern

Loriot und das RTL-Format „Sieben Tage Sex“: So nah und doch so fern

(c) RTL

Von: GFDK - Marie Allnoch

Lange ließ es sich erahnen, jetzt hat sich die Vermutung bestätigt. RTL ist nicht nur in der Lage, die Kulturlandschaft Deutschland vor dem intellektuellen Zusammenbruch zu bewahren. Nein, weitaus mehr.

Schon lange hat der Durchschnittsdeutsche (zumindest wird uns diese Wahrheit suggeriert) dank Supernanny und Peter Zwegat seine verzogene Gören und unverhältnismäßigen Katalogbestellungen in den Griff bekommen. Auch in seinen eigenen vier Wänden fühlt er sich dank den in zahlreichen Tiermessi-Reportagen zur Schau gestellten Normabweichungen wieder wohl.  Jetzt endlich hat sich der Sender auch in unser aller intimsten Bereich gewagt und das Allheilmittel gegen Lustlosigkeit entdeckt. Aufmerksam habe ich gelernt: Gegen das Ausbleiben ehelicher Zärtlichkeiten hilft nur eins. Eheliche Zärtlichkeiten. Diese weise Botschaft vermittelt das gewissenhaft recherchierte Format „Sieben Tage Sex".

Lernphase:

Das Einbüßen der Leidenschaft in einer langen Beziehung ist logische Konsequenz ebendieser und unumgänglich. Hierbei ist zu bemerken, dass das sexuelle Desinteresse am Partner gehäuft im Empfinden des passiven Parts der Beziehung auftritt. Diese Entwicklung ruft augenscheinlich Kommunikationsschwierigkeiten und Ignoranz gegenüber den Wünschen des Gespielen beim verschmähten Partner hervor. Merksatz: „Ich hab Lust auf Sex" – „Nein." – „Doch!" – „Nein." – Doch!"

Zur Begründung

Die Gründe für das Abflauen der sexuellen Anziehung sind einzig und allein im Vergehen der Zeit zu suchen. Vertrauensbrüche und Fremdgehen sind ebenso wie mangelnde Hygiene,  der liebevolle Kosename „Mutti" oder völlige Vernachlässigung der Beziehung lediglich unangenehme Randerscheinungen, die in keinerlei Verbindung zum Hauptproblem stehen. Daraus schließe ich meinen zweiten Merksatz: „Augen zu statt Haare waschen."

Fazit:

Nach Erkenntnis dieser komplexen Zusammenhänge bin ich dankbar für jegliche Hilfestellung, und so ziehe ich aus dem Format wichtige Schlüsse für mein zukünftiges Leben. Es ist nicht wichtig, ob Anziehung besteht. Das Einzige was wirklich zählt ist Durchhaltevermögen, sowohl körperlicher als auch mentaler Art. Zum Erreichen des scheinbar genügenden kleinsten gemeinsamen Nenners ist fleißiges Training ausreichend.

Niemand hat freiwillige Nähe oder etwa Spaß an der Sache verlangt. Diese Einstellung ist nicht neu. Vor Jahren hat sich der von mir hoch verehrte Komiker Loriot in seiner „Eheberatung" mit einer ähnlichen Problematik befasst. Es ist faszinierend, mit welch unterschiedlichem Anspruch ein Thema behandelt werden kann. Vicco von Bülow arbeitete stets mit dem nötigen Respekt vor menschlichen Wesen und einem Sinn für Ästhetik,  nie ging er einem anderen Anspruch als dem der Komik nach.

Ganz anders die Produzenten von „Sieben Tage Sex": es scheint als glaubten sie, unter dem Deckmantel des Helfersyndroms primitivste Szenen und Vulgärsprache salonfähig machen zu können und sich durch Spott und Selbstbeweihräucherung ihrer Zuschauer  - die sich selbstverständlich ganz anders als die gezeigten Protagonisten sehen – im Kampf um Einschaltquoten zu behaupten.

Marie Allnoch ist Redakteurin der Gesellschaft Freunde der Künste und zuständig für Literatur, Kino, und TV-Tipp