14.04.2015 12:06 bundesdeutsche protestkultur

Konstantin Wecker zum Tod von Günter Grass - der Dichter mit der Dreckschleuder?

Guenter Grass mit Willy Brandt

Als man in Deutschland noch Hoffnung hatte. Günter Grass mit Willy Brandt, 1972, Pressekonferenz mit Schülerzeitungsredakteuren in Bonn. (c) Wikipedia

Von: Konstantin Wecker und Rainer Kahni

Liebe Freunde,
man kann sich dieses Land ohne ihn schwer vorstellen.
Ohne diesen großartigen Geschichtenerzähler, wortgewaltigen Einmischer, stets streitbaren Mahner. Ob gegen die Notstandsgesetze, den Nato-Doppelbeschluss oder die Art der deutschen Wiedervereinigung - er hat die bundesdeutsche Protestkultur geprägt wie kein Anderer.


Für uns alle war es so ermutigend, ihn auf unserer Seite zu wissen. Für ihn war die „Wahrheit nur im Plural“ zu ertragen, das habe ihn die Literatur gelehrt, so „wie es ja auch nicht nur eine Wirklichkeit, sondern eine Vielzahl von Wirklichkeiten gibt“. Wer ist noch so mutig, wie dieser wortreiche Dichter, wer hat noch den Mumm seinen Gegnern öffentlich immer wieder die Stirn zu bieten?


Er hat uns alle auch literarisch geprägt. Ob man seinen Stil liebt oder nicht, man kam und kommt nicht an ihm vorbei. Seine zahlreichen Gegner, die sich gerade in den letzten Jahren über ihn hermachten, weil er ihnen nicht, wie so viele andere, nach dem Mund redete, loben ihn jetzt. Wer zwischen den Zeilen zu lesen gewohnt ist, erahnt in ihrem Lob die Erleichterung über das Verklingen dieser gewaltigen Stimme.


Er wird in diesen Zeiten intellektueller Gleichgültigkeit schrecklich fehlen. "Bild" nannte Grass einmal den "Dichter mit der Dreckschleuder“. In der Psychoanalyse gibt es ein treffendes Wort dafür:
Projektion.

Konstantin Wecker

Dazu schreibt auch Rainer Kahni:

Man muss die literarischen Werke von Günter Grass nicht unbedingt mögen, doch sein Spach - Rythmus, seine hohe Intelligenz und sein lebenslanges politisches Engagement werden unvergesslich bleiben. Um so mehr hat mich die masslose Heuchelei der deutschen Mainstream - Medien zum Tode von Günter Grass angeekelt.

Es sind die selben Medien, die den Dichter vor nicht all zu langer Zeit durch ihre Schmierenpresse gezogen haben, als er in seinem Buch "Beim häuten der Zwiebel" einräumte, dass er sich im Alter von 17 Jahren zur Waffen - SS gemeldet hatte.

Es sind die selben Medien, die ihn politisch korrekt fertig gemacht haben, als er Israel wegen seiner Atomwaffen mit seinem Gedicht "Was ich noch sagen wollte" anklagte. Er war wohl für lange Zeit Deutschlands letzter lebender Literatur - Nobel - Preisträger. Deutschland wird intellektuell arm und ärmer.

Günter Grass hat sich bis kurz vor seinem Tod große Sorgen um die Zukunft der Menschheit gemacht. Am 21. März, knapp drei Wochen vor seinem Tod, gab der Literatur-Nobelpreisträger in Lübeck der spanischen Zeitung "El País" noch ein Interview.

"Wir steuern auf den dritten großen Krieg zu", sagte Grass in dem Interview, das am Dienstag erstmals veröffentlicht wurde.

Am 23. März 2015 schrieb Günter Grass an John Irving einen düsteren Satz: "Die Welt ist wieder einmal aus den Fugen und mir, dem kriegsgebrannten Kind, kommen böse Erinnerungen."

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