08.06.2013 09:49 Was ist real, was ist Alptraum, was ist möglich

Horror im Kopf oder prickelnde Erotik - Alfred Berger hat 200 Seiten voller Kurzgeschichten geschreiben

Rund 200 Seiten voller Kurzgeschichten von  Alfred Berger, manche sehr kurz, manche laenger, keine davon langweilig

Heinrich Schmitz "Rund 200 Seiten voller Kurzgeschichten, manche sehr kurz, manche länger, keine davon langweilig".

Von: GFDK - Heinrich Schmitz Profil bei Google+

Vom Schauspieler Alfred Berger las ich zum ersten Mal im Zusammenhang mit Präventionsarbeit und Kinderschutz Mitte 2012. Kurze Zeit später erhielt ich eine Anfrage von Alfred Berger, der um die Zustimmung bat, ein von mir geschriebenes, kleines Märchen in einem Video gegen die Unterwanderung von Kinderschutzseiten durch Neonazis verwenden zu dürfen.

Als ich dann in diesem Video zum ersten Mal seine Stimme hörte war ich erstaunt, welche Wirkung der vorgetragene Text mit dieser Stimme im Unterschied zu dem geschrieben hatte.

Und irgendwann hörte ich, dass dieser Schauspieler ein Buch geschrieben hatte. „Brainfuck“ (http://www.luzifer-verlag.de/brainfuck-alfred-berger/)

Horrorgeschichten gehören nicht zu meinem bevorzugten Lesestoff. Horror bekomme ich schon frei Haus, wenn ich die Tagesschau sehe oder die Zeitung lese. Vom Luzifer-Verlag hatte ich zugegebenermaßen auch noch nie gehört, aber ich wollte einfach mal sehen, ob der Mann mehr drauf hat als eine beeindruckende Stimme.

Neu auf dem Buchmarkt

Dass man etwas nicht kennt, bedeutet ja nicht, dass es sich nicht lohnt, es kennen zu lernen. Der Grundsatz,“was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“, der bei Alfred Berger vermutlich eher lauten würde, „ wen der Bauer nicht kennt, den frisst er“, erweitert ja nicht den Horizont.
Aus reiner Neugier ließ ich mir also „Brainfuck“ zusenden – und habe es in einem Rutsch mit Lust gelesen.

Rund 200 Seiten voller Kurzgeschichten, manche sehr kurz, manche länger, keine davon langweilig.
Ob die Genre-Bezeichnung Horrorgeschichten tatsächlich die richtige ist, wage ich einmal dezent zu bezweifeln. Ja, da gibt es auch Szenen in denen das Blut spritzt und das Gedärm herausquillt, vordergründig also Horror.

Wesentlich gruseliger ist aber die Tatsache, dass die Geschichten gerade da, wo sie scheinbar harmlos daher kommen und den Leser auf eine falsche Fährte führen, einen Horror im Kopf erzeugen – oder aber auch eine prickelnde Erotik. Man weiß nie so recht, ob jetzt der Tod oder der „kleine Tod“ um die Ecke kommt.

Und manchmal weiß man es auch nicht, wenn man das Ende der Geschichte erreicht hat. Ist die eine oder die andere Geschichte, die zeitgleich in ihrem Kopf entstehen, wahr. Und noch besser, einige Geschichten leben, wenn man sich auf sie einlässt, im eigenen Kopf weiter. Was ist real, was ist Alptraum, was ist möglich.

Neue Literatur

Keine Panik, das ist kein philosophischer Langweiler, aber es dürfte kaum möglich sein, die Geschichten unbeeindruckt zu konsumieren.

Ich möchte hier nicht zu viel über die einzelnen Geschichten verraten, das würde den Lesespaß verderben. Aber, haben sie z.B. schon einmal darüber nachgedacht, ob mit der Transplantation eines Organs auch Teile der Persönlichkeit des Organspenders übertragen werden. Das müsste gerade denen einleuchten, die bestreiten, dass es eine Seele unabhängig vom menschlichen Körper gibt. Kann ein Organ die Steuerung des Bewusstseins übernehmen?

Was ist das, was Menschen Dinge tun lässt, die andere Menschen nicht tun. Etwas krankes, etwas böses oder keines von beiden? Wann würde ich mich dazu entscheiden, eine Frau zu verspeisen oder kann ich das wirklich absolut ausschließen? Was verschiebt die Grenzen innerhalb menschlicher Verhaltensweisen? Das sind ein paar der Fragen, die obwohl sie ausdrücklich in dem Buch gar nicht konkret gestellt werden, plötzlich mein Denken beschäftigt haben. Vielleicht werden es bei anderen Lesern andere sein, wer weiß?

Wenn es im Vorwort von „Brainfuck“ heißt:

„Mein Schreiben basiert auf einem simplen Vorgang: Eine Idee wird nach dem Prinzip »Was wäre wenn …« konsequent verfolgt; über alle physikalischen, moralischen und alltäglichen Grenzen hinweg.
Auf diese Art entstehen Geschichten, die das gewohnte Denken überwinden und den Leser in fremde Welten begleiten.“

kann das auf eine falsche Fährte führen, weil es sich bei den „fremden Welten“ auch um die eigene Welt handeln könnte. Brainfuck halt. Im Kopf fängt es an.“Und das ist alles nur in meinem Kopf „ wie es in einem Lied heißt. Das Gute wie das Böse und oft genug kann man das eine vom anderen nicht oder erst zu spät unterscheiden.

Alfred Berger ist weder Edgar Alan Poe noch Roald Dahl, obwohl manche Geschichten an letzteren erinnern. Hier geht es sprachlich nicht um große Literatur, aber das muss es auch gar nicht. „Brainfuck“ tut das was das Wort beschreibt. Es penetriert ein Hirn, erregt es dazu Gefühle und Gedanken zu entwickeln, bringt diese zu einem Höhepunkt - und lässt den Leser entspannt zurück. Was will man mehr?