06.11.2012 13:16 also rechtlich eine Leiche

"Hirntodkriterium instrumentalisiert, um einem Sterbenden lebende Organe für Transplantationszwecke entnehmen zu können"

Prof. Dr. med. Axel W. Bauer. : 1. Der Arzt würde den Patienten bei der Organentnahme töten; 2. die aktive Sterbehilfe könnte begünstigt werden; 3. die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung könnte abnehmen.

Axel W. Bauer bei der Einführungsrede zur Jahrestagung "Migration und Gesundheit" des Deutschen Ethikrates in Berlin

Von: GFDK - Prof. Dr. med. Axel W. Bauer

Der Hirntod wurde 1997 im deutschen Transplantationsgesetz (TPG) aus drei Gründen verankert, die nichts mit der medizinischen, philosophischen oder theologischen Korrektheit dieses neuen Todeskriteriums zu tun hatten. Vielmehr nahm der Gesetzgeber Bezug auf Probleme, die eintreten könnten, wenn man den Hirntod nicht als den Tod des Menschen betrachten würde:

1. Der Arzt würde den Patienten bei der Organentnahme töten; 2. die aktive Sterbehilfe könnte begünstigt werden; 3. die Bereitschaft zur Organspende in der Bevölkerung könnte abnehmen.

Die Begründung des Hirntodkriteriums leitete sich also nicht aus der Sache an sich, sondern aus den unerwünschten Folgen einer Zurückweisung eben dieses Kriteriums ab. So entstand nicht zu Unrecht der Eindruck, der Staat wolle schwer kranke und am Beginn des Sterbeprozesses stehende Menschen nur deshalb rechtlich für tot erklären, um ihnen Organe für Transplantationszwecke entnehmen zu können.

Die daraufhin vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer formulierten Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes sehen deshalb auch vor, dass durch die entsprechende Diagnostik „nicht der Zeitpunkt des eintretenden, sondern der Zustand des bereits eingetretenen Todes“ festgestellt werde. Als Todeszeit wird die Uhrzeit registriert, zu der die Diagnose und Dokumentation des Hirntodes abgeschlossen sind.

Eigentlich wäre der Hirntote nun also rechtlich eine Leiche. Aber noch niemand ist auf die Idee gekommen, einen solchen Menschen zu bestatten. Denn für eine Bestattung ist der Hirntote längst noch nicht tot genug. Er lebt nämlich noch! Zunächst müssen also die intensivmedizinischen Maßnahmen abgebrochen und die künstliche Beatmung beendet werden, damit der Hirntote nach einer Weile tatsächlich sterben kann. Und erst dann, wenn der Tod des gesamten Organismus nach dem irreversiblen Herz- und Kreislaufstillstand eingetreten ist, kann die Bestattung des Verstorbenen erfolgen.

Das Hirntodkriterium wurde von Anfang an instrumentalisiert, um einem Sterbenden lebende Organe für Transplantationszwecke entnehmen zu können.

Das Transplantationsgesetz wurde auf juristisch raffinierte Weise dazu benutzt, diesen Zusammenhang zu vernebeln. In den Organspendeausweisen ist nur davon die Rede, dass „nach meinem Tod“ bzw. „nach der ärztlichen Feststellung meines Todes“ Organe entnommen werden dürfen. Es wird nicht darauf hingewiesen, dass mit dem Tod nur der Ausfall der Gehirnfunktionen gemeint ist.

Bewusste Irreführung der Öffentlichkeit

Diese bewusste Irreführung der Öffentlichkeit wird durch das Transplantationsgesetz formal legitimiert, denn § 3 Absatz 1 Nr. 2 TPG sagt ausdrücklich, dass die Entnahme von Organen oder Geweben nur zulässig ist, wenn „der Tod des Organ- oder Gewebespenders nach Regeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist“.

Mit anderen Worten: Wann wir tot sind, entscheidet autoritativ der Mainstream der medizinischen Wissenschaft in eigener Regie. Und dieser Mainstream, der natürlich vorrangig auf die Interessen der einflussreichen Transplantationsmediziner Rücksicht nimmt, hat sich eben derzeit auf den Hirntod als das entscheidende Todeskriterium geeinigt. Der Gesetzgeber selbst hat dies in kluger, aber auch raffinierter Weise nicht selbst getan.

Er hat lediglich in § 3 Absatz 2 Nr. 2 TPG festgelegt, dass Organe und Gewebe frühestens dann entnommen werden dürfen, wenn „der endgültige, nicht behebbare Ausfall der Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms nach Verfahrensregeln, die dem Stand der Erkenntnisse der medizinischen Wissenschaft entsprechen, festgestellt ist.“

Sowohl der Staat als auch die Kirchen vertreten seit mehr als 20 Jahren die verfehlte Auffassung, dass die Kriterien für die Feststellung des Todes von der medizinischen Wissenschaft nach medizinisch-naturwissenschaftlichen Regeln zu definieren seien. Die Definition des Todes sei keine Aufgabe der Politik oder des Gesetzgebers.

Allein die natur­wissenschaftliche Forschung könne für alle Menschen in gleicher Weise feststellen, welche körperlichen Befunde Leben und Tod voneinander abgrenzen, unabhängig von einem be­stimmten Menschenbild oder einem subjek­tiven Verständnis von Leben und Tod. So hat diesen Grundgedanken der damalige Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag am 25. Juni 1997 formuliert.

Vom Mainstream der Medizin gewünschte Kriterien

Verfehlt ist diese Auffassung aber deshalb, weil es zwar die medizinische Wissenschaft ist, mit deren Methoden ein Arzt feststellen kann, ob die für die Bestimmung des Todes geltenden Kriterien im Einzelfall tatsächlich vorliegen oder nicht. Es kann aber nicht der Medizin überlassen werden, welche gerade aktuellen, vom Mainstream der Medizin gewünschten Kriterien für den Tod herangezogen werden.

Eine derartige Autonomie der Medizin darf es in einem Rechtsstaat nicht geben.  Hier geht es um eine Grundfrage des menschlichen Lebens und seines vom Staat zu gewährleistenden Schutzes. Der Hirntod ist nicht der Tod des Menschen, sondern er markiert das vorzeitige Ende des seinen Bürgern vom Staat garantierten Rechts auf Leben.

 

Prof. Dr. med. Axel W. Bauer
Mitglied des Deutschen Ethikrates

von April 2008 bis April 2012

http://www.ethikrat.org/

Organtransplantation - Von der Gesundheits- zur Tötungsindustrie ?

http://www.freundederkuenste.de/aktuelles/reden-ist-silber/meinung/organtransplantation-von-der-gesundheits-zur-toetungsindustrie.html