15.06.2017 07:07 Abgefahrenes, eigenwilliges Musiktheater

Grosses Musiktheater - Kölner Oper aufgemischt

Adriana Bastidas Gamboa spielt in Faust - Fausta

Abgefahrenes, eigenwilliges Musiktheater an der Kölner Oper, Fotograf: © Paul Leclaire

Von: GFDK - Herwig Nowak

Eigentlich ist es ja keine neue Erkenntnis. Denn schon 2011 bzw. 2013 als die "Lichtproduktion" mit Musik von Karlheinz Stockhausen bzw. "Parzival" von Richard Wagner in Köln von "La fura del baus" in Szene gesetzt wurden, erwartete man Besonderes, ja Sensationelles. Und diese Erwartung wird jetzt nicht enttäuscht. "Das Lied der Frauen vom Fluss-cantiones de sirena" ist für die wegen der räumlichen Situation der eher bedauernswerten Kölner Oper ohne Frage ein Stern der Hoffnung.

Wenn man will, kann man das Streben nach Einheit als das beherrschende Thema dieses Musiktheaters ansehen. Aber mit welcher Vielfalt wird es dargestellt? Bleiben wir zunächst bei der Musik. Arienauszüge aus der Zeit des Frühbarocks ebenso wie aus der Romantik, also etwa von Monteverdi, Purcell, Händel, aber auch von Offenbach und Liszt werden übergangslos gefolgt, ja verschmolzen mit modernen Kompositionen von Howard Arman. Und das in einer Orchestrierung, die ihresgleichen sucht. Neben den traditionellen Orchesterinstrumenten kommen Keyboard, Akkordeon, Gitarren, vor allem aber aussergewöhnliche, speziell entwickelte elektronische Instrumente-sog. Klangmaschinen - zu Gehör, die- auf Lafetten montiert- je nach Bedarf dem Musikgeschehen zugeführt oder aber abtransportiert werden.

Das Streben nach Einheit lässt sich hier auch als solches zwischen Kunst und Technik festmachen. Schon lange sind Sänger aus ihrer statischen Rolle auf der Opernbühne erlöst. Was ihnen hier aber an Akrobatik, an Beweglichkeit, an technischen Fertigkeiten abverlangt wird, übertrifft die Norm bei weitem. Sänger als schwimmende Akrobaten: Wundervoller Koloraturgesang ertönt aus Wasserbehältern, die mit glitzernder Flüssigkeit bis zur Halskrause der Sänger gefüllt sind.

Szenenwechsel: Koloraturen, gesungen in der Spitze des Bohrkopfes einer riesigen Tunnelbohrmaschine. Oder: Offenbachs Olympia entsteigt der Scheibe des Lebens und singt wunderbar. Der Besucher staunt und schwärmt und vergisst dabei, dass es einen roten Faden gibt, der noch einmal mehr die Einheit des Stückes versinnbildlicht. Es ist die Gestalt von Faust, besser gesagt von Fausta, denn der Mann wird hier zur Frau. Ihm begegnet das Böse nicht von aussen als besondere Gestalt, sondern das Böse wohnt in ihm selbst und sucht ihn aus der menschlichen Gesellschaft zu exkludieren. Das ist Gegenstand der 7 Teile des Stückes. Faust muss erkennen, dass seine Flucht aus der menschlichen Gesellschaft ein Fehler war.

Dem Staunen des Besuchers folgt sein Nachdenken auf dem Heimweg, denn auch dazu ist das Stück angetan. Manches erschliesst sich dem Besucher nicht ohne weiteres, ist nicht nur ,Eigenwillig und"abgefahren". Aber eines ist des Stück allemal: grosses Musiktheater. Unbedingt sehenswert.

Herwig Nowak