14.07.2015 12:14 Hohes Maß an Vorverurteilung

Der bleibende schale Geschmack - Helge Achenbach - Urteil - zu einseitig

Der Kunstsammler Helge Achenbach

Helge Achenbach im Atelier Thomas Struth (c) Thomas Struth

Von: GFDK - cultur. tv

Nachbetrachtung eines denkwürdigen Prozess - Am einem sonnigen frühlingshaften Montag, den 16.03.2015, wurde das Urteil gegen Helge Achenbach gesprochen - nun auch im strafrechtlichen Kontext. Im Landgericht Essen verkündete um 11:00 Uhr der Vorsitzende Richter Johannes Hidding das Urteil: 6 Jahre ohne Bewährung.

Die von ihm mündlich vorgetragene Urteils-Begründung (leider unverstärkt und akustisch nicht immer deutlich) folgt im wesentlichen dem Vortrag der Staatsanwaltschaft und fußte ebenfalls (etwas zu offensichtlich) auf der Zeugenaussage Babette Albrechts, der Ehefau des verstorbenen Berthold Albrecht.

Das (allgemein als zu hoch empfundene) Strafmaß wurde mit der (absolut angesetzten) hohen Betrugssumme von ca. 20 Millionen Euro begründet (Summe aus > 10 Betrugsfällen) und dass erschwerend hinzukäme, dass Helge Achenbach über Jahre hinweg das (intensive) Vertrauensverhältnis zwischen ihm und dem (längere Zeit vor seinem Tod schon schwer erkrankten) Berthold Albrecht ausgenutzt hätte. Und dass Helge Achenbach dieses Vertrauensverhältnis gerade mit der Intention des von ihm geplanten Betruges initiiert hätte. Insofern gründet die Strafzumessung im wesentlichen u.a. auf

    a) die Höhe der Betrugssumme und
     
    b) der Zeugenaussage Babette Albrechts

Hier stellt sich konkret die Frage nach der Bemessungsgrundlage (für die Strafzumessung) und nach der (möglicherweise einseitig erscheinenden) Emphasierung der Zeugenaussage Babette Albrechts. Der Versuch eines Kommentares mag hier erlaubt sein .

Der bleibende schale Geschmack

Auch wenn die Sonne schien an diesem Montag in Essen bleibt bei einem objektiven Beobachter doch etwas Schales zurück - setzt er sich doch nochmal mit dem Urteil, insbesondere der Strafzumessung und der richterlichen Begründung auseinander.

Hohes Maß an Vorverurteilung durch die Medien

Der schale Geschmack kündigte sich schon in den Wochen nach dem 11ten Juni 2014 an, als ein wenig erfreuliches hohes Maß an Vorverurteilung durch die Medien, Presse und die betroffenen (eingebundenen) Kreise ging. Ging das nicht alles etwas zu schnell - und ist alles nicht etwas zu (!) klar ? Hat es sich da nicht jemand zu einfach gemacht ?

Zwar in einer äußerlich streng seriösen Weise - korrekt gescheitelt - und immer darauf bedacht durch zielgerichtete Fragen an die Zeugen das Gesamtsystem, in dem Helge Achenbach agierte und die dort festzustellen Abläufe und Vorgänge zu enttarnen.

Hierzu: ... 2007 wechselte der promovierte Jurist - damals noch als Beisitzer - in die 21. Strafkammer des Essener Landgerichts. Deren Spezialgebiet, der Wirtschaftskriminalität, hat er sich so pragmatisch genähert wie es auch seine Art in der Führung einer Hauptverhandlung ist. „Man muss sich in jedes Themenfeld einarbeiten“, hat Johannes Hidding einmal gesagt. Dass er schon immer ein Faible für Mathematik und Zahlen hatte, kann man demnach nicht behaupten ...  Herr der Zahlen (hierzu im Folgenden mehr).

Der Richter schenkte Babette Albrecht vollens Glauben, ohne weitere Zeugen

Auch die Wahrnehmung, dass der Vorsitzende Richter die im Plädoyer der Verteidigung angeführten Fakten und Argumentationen in seiner Begründung quasi unberücksichtigt ließ und dafür aber den Angaben der Zeugin Babette Albrecht vollends Glauben "schenkte" intensiviert diesen schalen Geschmack. Wurden denn sämtliche Aussagen Babette Albrechts durch weitere Zeugenaussagen belegt und als konsistent empfunden ?  Gab es Cross-Over Validierungen ?

Un-Schärfe und der Un-Präzision

Wie dem auch sei - Annahmen, Modelle, Ansätze, Mutmaßungen hin und her - es bleibt der schale Geschmack der Un-Schärfe und der Un-Präzision - der fehlenden differenzierten Sicht auf die Dinge, inbesondere der Zahlen. Das Ein-Mal-Eins, der Dreisatz oder auch lineare Zinsberechnungen ließen sich auch reduziert algebraisch erledigen.

Die Zeugenaussage

Die Presse ./. Medien melde(t)n hierzu:  ... die Witwe des Aldi-Erben Berthold Albrecht und ihre Kinder begrüßen das Strafurteil ... Die Begrüßung    Und:  ... er [Berthold Albrecht] wollte ja immer nur die Meisterwerke haben, erinnert sich [Babette] Albrecht. Ich hätte ja auch mal andere schöne Sachen genommen, die nicht so teuer waren. Aber es wurde eigentlich immer das genommen, was er [Helge Achenbach] empfohlen hat.

Achenbach und die "Dinger"

Und: ...  im Verlauf der Verhandlung spricht Babette Albrecht häufig von den "Dingern", wenn sie die diversen Kunstwerke, die ihr Mann erworben hat, meint. Thomas Steinfeld kann in der "SZ" vom 13.03.2015 in "Achenbach und die Dinger. Kunst als Trophäe und Krönung des Kapitalismus" seine Verwunderung über die Bezeichnung von Kunstwerken als "Dinger" kaum zurückhalten ... und die Dinger   Und: " ... dass seine Großzügigkeit offenbar ausgenutzt wurde, bemerkte sie erst, als ihre Anwälte den Nachlass des Verstorbenen auswerteten und auf die Manipulationen Achenbachs aufmerksam wurden.

Barbette Albrecht fühlte sich "Spitze"

Da erstattete sie Anzeige und stellte sich der Öffentlichkeit. Wie sie sich fühle, hatte ein Reporter sie auf ihrem Weg zum Gerichtssaal gefragt. „Spitze“, antwortete sie ... mit Spitzen im Westen und ... im Sommer 2013 habe sie im Zuge der Erbschaftssteuer-Ermittlung Gutachten in Auftrag gegeben. Der Wert der Objekte sei dabei sehr niedrig eingeschätzt worden. Sie wies Spekulationen zurück, sie habe durch eine niedrige Bewertung Steuer sparen wollen. 'Ich wollte nichts verheimlichen.' nichts wird verheimlicht.  

Es läßt sich annehmen, dass sich aus dieser Aussage die "Erschwerung", resp. der Vorwurf der "Niedertracht" speißt  - es heißt doch: "erschwerdend kam hinzu, dass der Angeklagte das Vertrauen zu Berthold Albrecht nicht nur gesucht hatte, sondern im Laufe der Bekannt-/Freundschaft zutiefst und über einen längeren Zeitraum auch ausgenutzt hatte".


Hier hatte wohl auch das Plädoyer der Verteidigung eher Bumerang-Wirkung , da hier zu ausführlich das intensive Vertrauensverhältnis zwischen Helge Achenbach und Berthold Albrecht herausgestellt wurde, zwar mit der Zielsetzung, die Aussagen Babette Albrechts zu entkräften - doch das Gegenteil stellte sich ein - jedenfalls in der Urteilsbegründung und Strafbemessung.

Werden die meisten Presseartikel richtig gedeutet, handelte es sich bei "Der Zeugenaussage" um eine sehr emotional vorgetragene, die in der Regel auf Stimmungsäußerungen beruhte und nur auf konkretes Nachfragen hin verwertbares bzw. interpretierbares Material lieferte. Es war eine Aussage, die entgegen der Aussage Helge Achenbachs stand .

Die Zahlen - Kaufen im Monatstakt - Wer hat, der hat

Die Achenbachs und die Albrechts kannten sich länger: "Das Ehepaar Albrecht hatte Achenbach nach Angaben von Babette Albrecht 2007 bei einem Abendessen in der Nachbarschaft kennengelernt. "Trotz schwerer Krankheit kaufte Albrecht bis kurz vor seinem Tod fast im Monatstakt bei Achenbach ein. Zwischen 2009 und 2012 waren das Objekte in einer Gesamtsumme von über 100 Millionen Euro".

Die "Dinger" von Kokoschka, Kirchner, Picasso und Gerhard Richter

"Berthold Albrecht hatte in nur drei Jahren mithilfe von Achenbach Kunstwerke und Oldtimer im Wert von rund 120 Millionen Euro erstanden. " Neben verschiedenen Oldtimern hatte  "Achenbach insgesamt  28 hochkarätige Kunstwerke (Dinger) innerhalb von knapp zweieinhalb Jahren an Albrecht verkauft, unter anderem Bilder von Kokoschka, Kirchner, Picasso und Gerhard Richter."
"Im Sommer 2013 habe sie [Babette Albrecht] im Zuge der Erbschaftssteuer-Ermittlung Gutachten in Auftrag gegeben."

"Nach dem Tod ihres Mannes 2012 habe sie [Babette Albrecht] Achenbach um die Rechnungen für Kunst und Oldtimer gebeten. "Das hat unglaublich lange gedauert", sagte Babette Albrecht. Achenbach habe ihr im Sommer 2013 die Listen gefaxt.


In der Urteilsbegründung des Vorsitzenden Richters werden die Betrugssummen wiefolgt genannt und zugeordnet: 5.2 Millionen Euro bei den Kunstverkäufen, 14.4 Millionen Euro bei den Oldtimerverkäufen, 1.2 Millionen Euro bei den Verkäufen im Verbund mit der Berenberg-Bank. Insgesamt beläuft sich also die absolute Betrugssumme auf 20.8 Millionen Euro - also ca. 20% der tatsächlichen Verkaufssumme von 100 Millionen Euro (Gesamtverkaufssumme 120 MEuro abzgl. der Betrugssumme von 20 MEuro).

"Die Unternehmensberatung Deloitte hat ... ermittelt, dass die Preise für zeitgenössische Werke seit dem Jahr 2000 im Schnitt um fast zwölf Prozent gestiegen sind wohlgemerkt jährlich ... "  und  "Berechnungen ... zufolge, ist zeitgenössische Kunst seit dem Jahr 2000 um durchschnittlich 12% im Preis gestiegen. "

Der mögliche Fehler - die Bemessungsgrundlage

Bei der Frage nach der vom Essener Gericht gewählten Bemessungsgrundlage für das Strafmaß, die Strafzumessung, stößt der neutrale Beobachter - auch bei Durchsicht der Medien und Pressebeiträge - auf eine recht simpel gewählte. Es wird pauschal die leicht errechenbare Betrugssumme - eben die ca. 20 Millionen Euro - angesetzt.

Und dies ohne differenziert in die Details zu gehen - z.B. bleibt die Frage nach der sich hoch-dynamisch ändernden Werthaltigkeit der vermittelten Objekte seitens des Gerichtes unberührt. Zwar hat Thomas Elsner in seinem Verteidigungs-Plädoyer angeführt, dass aufgrund der wirkenden Wertsteigerung der hoch qualitativen Objekte keine Vermögensminderung und damit kein Schaden über die Jahre hinweg bei den Albrechts entstanden sei.

Aber auch dieses Argument erscheint etwas grobgeschnitzt. Der eigentliche Punkt in der Sache ist der, dass Helge Achenbach Objekte vermittelt und verkauft hat, die eine implizite sich dynamisch steigernde Werthaftigkeit hatten - bedingt durch das enorme Wertsteigerungspotential von mindestens 12% p.a. (siehe oben) - sozusagen das "intangible asset".


Gerade angesichts der in den Wochen nach der Verhaftung Helge Achenbachs wahrzunehmenden Vorverurteilung wäre zwingend ein hohes Maß an Präzision im Umgang mit den Fakten und den Aussagen notwendig (gewesen). Und damit wäre auch der dynamische - zeitabhängige  - Wertanteil der Objekte zu berücksichtigen und die Frage (in jedem einzelnen Fall) zu klären: zu welchem Zeitpunkt waren die Objekte in tatsächlichem Besitz Berthold Albrechts - bei der

    der Übergabe ? oder bei
    der Rechnungsstellung ? oder bei
    vollzogenem Kapitalfluss / Zahlungsleistung (Überweisung) ?

 

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