03.06.2013 09:46 Lost Wor(l)ds. Eine europäische Sprachreise

Die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungsprozesse in Europa

Eine europäische Sprachreise. Ein Projekt von Kulturgenossenschaft e.V. in Zusammenarbeit mit: Literaturbüro Freiburg, Literarisches Colloquium Berlin.

Ein Projekt von Kulturgenossenschaft e.V. in Zusammenarbeit mit: Literaturbüro Freiburg, Literarisches Colloquium Berlin. (c) Literaturbüro Freiburg: LOST WOR(L)DS

Von: GFDK

Jenseits ihrer ökonomischen Dimension hat die globale Finanzkrise eine soziale Bewegung angestoßen, die alle Gesellschaftsschichten erreicht und für einen Wandel im europäischen Bewusstsein gesorgt hat, dessen Folgen noch nicht abzusehen sind.

Aus diesem Anlass möchte „Lost Wor(l)ds” untersuchen, wie sich die kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Veränderungsprozesse Europas in seinen Sprachen und Literaturen manifestieren: Welche Narrative dominieren? Was für Sprachfelder öffnen sich? Welche Diskurse verstummen?

Von der „Berliner Stulle“, über die „Setzmilch“ zum „regimefeindlichen Bummelanten“: 14 Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus 12 Ländern, darunter Aris Fioretos, Katja Lange-Müller, Serhij Zhadan, Alexis Jenni, Barbara Honigmann und Yoko Tawada, haben sich auf die Suche nach verlorenen Wörtern und Welten in Europa gemacht und eigene Essays dazu verfasst, druckfrisch erschienen in der edition.fotoTAPETA.

Ein Großteil der AutorInnen des Bandes tritt vom 7.-9. Juni 2013 den Weg nach Freiburg an: Als Seismographen und Sinnbildstifter ihrer Gesellschaften öffnen sie in Lesung und Gespräch zusammen mit namhaften Experten neue Denkräume zu Kultur, Erinnerung und Sprache im Europa des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Sie benennen Wörter und Themen, die sowohl eng mit ihrer eigenen Biographie als SchriftstellerInnen verflochten sind als auch übergeordnete aktuelle Diskussionen um Europa in den jeweiligen Ländern aufgreifen.

Dabei werden Fragen nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden, nach Solidarität und Individualismus, nach Nationalem und Europäischen, Vielfalt und historischen Wurzeln neu gestellt. Die AutorInnen des Bandes begegnen Fragen wie diesen kritisch, analytisch, wohltuend eigensinnig und nicht zuletzt auch mit der nötigen Portion Humor und Ironie.

Ein Projekt von Kulturgenossenschaft e.V. in Zusammenarbeit mit: Literaturbüro Freiburg, Literarisches Colloquium Berlin.

Freitag, 07. Juni 2013

19.30 Uhr Eröffnung

19.45 – 21.00 Uhr LOST WOR(L)DS

Lesung, Gespräch und Fotokunst über verlorene Wörter und Welten

mit Aris Fioretos (Schweden) & Katja Lange-Müller (Deutschland) 

Katja Lange-Müller erläutert in ihrem Essay an der Bedeutungsverschiebung des Wortes ‚Bummelant’ beispielhaft den Versuch, in der ehemaligen DDR über Sprache und Begriffe ideologische Inhalte in der Bevölkerung zu verankern – und beschreibt in gewohnter Schärfe auch das Scheitern solcher Versuche. Aris Fioretos befragt in kleineren Wort-Kapiteln aktuelle Entwicklungen in Europa und die Bedeutung von Literatur und Sprache als „Gänsehautproduzent“, als Kunstgenuss und Korrektiv im Kontext europäischer Identitätsfindung. Zu Besuch bei Aris Fioretos in Berlin haben sich zudem Insa Wilke und der Fotokünstler Frank Mädler auf die Spuren verlorener Orte begeben und präsentieren ihre Annäherungen.

Moderation: Insa Wilke, Journalistin, Moderatorin und Literaturkritikerin

Samstag, 08. Juni 2013

LOST WORDS – EUROPAS VERLORENE WÖRTER 

18.00 – 19.30 Uhr | LESUNGEN

Lesestation 1: Unter den Kastanien, Außengelände

Nino Vetri (Italien) & Goran Petrović (Serbien)

Zu einer Sprachreise der besonderen Art laden Nino Vetri und Goran Petrović ein. Vetri schreibt über den passio, ein zwar noch nicht ganz verlorenes, so aber doch bedrohtes und vernachlässigtes Wort, das sowohl auf den Spaziergang Bezug nimmt, aber auch eine bestimmte Lebensart der Entschleunigung bedeutet und dem Leben als to-do-Liste abschwört. Petrović spricht wiederum leise „durch das Schlüsselloch der Welt“. Drei Schlüssel ziehen sich durch seinen Essay und mit ihnen Geschichten und poetische Detailbeschreibungen, in denen sich Fragen nach unserem Dasein in einer Welt der (Un-)Sicherheit stellen, vor der uns auch das beste Schloss nicht zu schützen weiß.

Moderation: Insa Wilke

Lesestation 2: Unter den Kastanien, Außengelände

Mircea Cărtărescu (Rumänien) & Alexis Jenni (Frankreich)

Mircea Cărtărescu denkt über den Umgang mit dem Volk der Roma in Rumänien, deren jahrhundertealte Geschichte in Europa insbesondere auch eine der Vertreibung, Verfolgung und der „verlorenen Welten“ ist. Kritisch beschreibt er die auch heutige Ghettoisierung und Stigmatisierung der Roma. Alexis Jenni beschreibt aus französischer Sicht den eine andere „verlorene Welt“, den Zusammenbruch der Sowjetunion am Beispiel des Meteoriteneinschlags in Tscheljabinsk. Ohne die Sowjetunion zu romantisieren, bedeutet der Verlust einer Gegenwelt für ihn auch einen Verlust der kontinuierlichen Infragestellung des eigenen Systems.

Moderation: Jenny Friedrich-Freksa (angefragt)

20.30 – 22.00 Uhr | LESUNGEN

Lesestation 3: Unter den Kastanien, Außengelände

Adania Shibli (Palästina/England), Serhij Zhadan (Ukraine) & Gonçalo M. Tavares (Portugal)

Serhij Zhadan erläutert an seiner eigenen Rock- und Popmusiksozialisation zugleich auch zentrale Wesenszüge ukrainischer Denk- und Geisteshaltungen. Er schreibt von verlorener und neu gefundener Musik aus Ost und West, von Rock, Pop, Punk und Klassik ebenso wie von den Vermittlungsmedien Platte, Tonband, Kassette und CD – und ihrem Verschwinden aus unserem Alltag(swortschatz). Gonçalo M. Tavares schreibt über außer Gebrauch gekommene Wörter und verbindet seine Überlegungen mit Herausbildung und Niedergang Europas. Europapolitik im Hauruckverfahren, die Wiedervereinigung von Deutschland und die Konstruktion der EU stehen dabei auf dem Prüfstand seiner Betrachtungen.

Moderation: Claudia Dathe

Lesestation 4: Unter den Kastanien, Außengelände

Yoko Tawada (Deutschland/Japan) & Katja Lange-Müller (Deutschland)

Yoko Tawadas Analysen zur europäischen Kultur beginnen in der Joghurtkultur, aus der heraus sie Überlegungen zur europäischen Verfasstheit entwickelt. Auf der Basis von Schleimsuppen, Sauermilch und Dickmilch knüpft sie ein Netz europäischer Verflechtungen und politisch-kultureller Verstrickungen. Die Setzmilch, ein kaum noch verwendetes Wort, wird dabei zur Satzmilch, zur liquiden Flüssigkeit, die sich durch Sprachen und Länder zieht.

Moderation: Katharina Raabe

Bei schlechtem Wetter finden die Lesestationen in der Galerie und im Kinosaal des Alten Wiehrebahnhofs statt.

Sonntag, 9. Juni 2013

LOST WORLDS – EUROPAS VERLORENE WELTEN

Einige Schriftstellerinnen und Schriftsteller verstehen sich neben ihrem künstlerisch unabhängigen Schaffen zugleich auch als politisch denkende Akteure. Insbesondere im deutschsprachigen Raum wird regelmäßig angemahnt, dass es an intellektuellen Stimmen fehle, die sich zu Fragen der Gegenwart zu Wort melden. „Die Intellektuellen schweigen. Aus den Universitäten hört man nichts, von den sogenannten Vordenkern nichts, hier und da gibt es einzelnes kurzes Aufflackern, dann wieder Dunkel“, konstatiert der Schriftsteller Ingo Schulze in der Süddeutschen Zeitung. Zum Gespräch versammeln sich sowohl um 11.00 Uhr als auch um 18.00 Uhr Autorinnen und Autoren, die unterschiedliche, originelle und politische Wege finden, aus dem „Dunkel“ etwas verloren Geglaubtes an die Oberfläche zu bringen.

11.00 – 12.30 Uhr

GESPRÄCH mit Alexis Jenni, Gonçalo M. Tavares, Barbara Honigmann & Mircea Cărtărescu

Moderation: Jenny Friedrich-Freksa (angefragt)

12.30 – 14.00 Uhr: Europa Lunch

Entdecken Sie Europa über den Gaumen und durch den Magen: Transnationales und multikulinarisches Buffet im Nebenraum des Cafés im Alten Wiehrebahnhof zum günstigen Europaeinheitspreis von 6 €.

18.00 – 19.30 Uhr

GESPRÄCH mit Serhij Zhadan, Goran Petrović, Nino Vetri und Adania Shibli

Moderation: Claudia Dathe

20.00 – 21.30 Uhr:

ABSCHLUSSGESPRÄCH EUROPA (Besetzung wird in Kürze bekannt gegeben)

Um Europa, einst die große Liebe Zeus’, wird auch heute intensiv gerungen und geworben: Eine Vielzahl von Sprachen, Ländern, Denk- und Wertesystemen, Kulturen und sich ablösenden politischen und ökonomischen Ordnungen treffen bei dem Versuch aufeinander, eine große europäische Gemeinschaft mit übergreifenden Gemeinsamkeiten und Wurzeln zu imaginieren und nach außen und innen zu stärken.

In den letzten Jahrzehnten haben sich Gesellschaftssysteme in Europa vielfach verändert oder sind zusammengebrochen. Sprache und Literaturen nehmen in diesen Prozessen eine wichtige Funktion zwischen Infragestellung, Standortbestimmung, Gedächtnis- und Erinnerungskulturen und Perspektiventwicklung ein. Über alte und neue Lieben und über System(wechsel) diskutieren die eingeladenen Gäste, nicht zuletzt auch, um aus den LOST WOR(L)DS den Sprung in eine mögliche Zukunft zu wagen.

Moderation: Katharina Raabe

Kinosaal im Alten Wiehrebahnhof

Preise Eintritt:

Einzelveranstaltung: 7/5 € pro Veranstaltung

Tagesticket Samstag: 10/8 €

Tagesticket Sonntag: 15/10 €

Pass für alle Veranstaltungen inkl. Eröffnung: 25/20 €

Kartenvorverkauf unter: info@lost.worlds.kulturgenossenschaft.de oder info@literaturbuero-freiburg.de oder telefonisch unter 0049.(0)761.289989.

Veranstaltungsort: Literaturbüro Freiburg, Alter Wiehrebahnhof, Urachstraße 40, 79102 Freiburg.

Künstlerische Leitung: Kateryna Stetsevych (UA/D), Katarina Tojić (SRB/D)
Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Stefanie Stegmann
Beteiligte Autor/innen: Katja Lange-Müller (D), Melinda Nadj Abonji (CH), Martin Pollack (A), Aris Fioretos (SE), Serhij Zhadan (UA), Antonio Muñoz Molina (E), Mircea Cărtărescu (RO), Barbara Honigmann (F), Olga Tokarczuk (PL), Adania Shibli (PS), Gonçalo M. Tavares (PT), Yoko Tawada (D), Goran Petrović (SRB)

Lost Wor(l)ds. Eine europäische Sprachreise - 7. bis 9. Juni 2013 - Freiburg